Parasiten und Religionen / Gedanken zur genetischen und kulturellen Evolution

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Was sind Parasiten? „Lebewesen, die in oder an anderen Organismen leben, sich von ihnen ernähren, sie dadurch schädigen ohne sie immer zu töten?“ (Parasitismus in Biologie | Schülerlexikon | Lernhelfer https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/biologie-abitur/…/parasitismus

Deswegen sind sie trotzdem durch die Evolution entstandene Lebewesen und deswegen weder gut noch schlecht. Sie sind durch die Evolution „geschehen.“ Es ist doch gleichgültig, ob der Löwe sein Beutetier tötet oder ein Parasit sich in seinen Wirten einnistet und sich dann von ihm ernährt. Wir Menschen sind ja auch Parasiten. Wir leben und lebten auf Kosten unseres Wirtes „Umwelt“, den wir gnadenlos ausnützten. Und warum züchten wir Tiere und Pflanzen? Weil wir ihnen etwas Gutes tun wollen? Worauf wir aber achten müssen, ist, dass wir nicht selbst für andere die ausgebeuteten Wirte sind. Das ist jedenfalls möglich, wenn wir uns immateriellen Parasiten zuwenden. Es gibt auch Ideen, die sich wie Parasite verhalten.

Wie viele Wissenschaftler und Künstler sind von einer Idee besessen, die sie unbeschadet ihrer Gesundheit, Familie, Freunde dgl. mehr verwirklichen wollen oder müssen. Deswegen sind diese Ideen nicht unbedingt Parasite. Der Wissenschaftler etwa gibt sich einer Idee hin, weil er selbst nach einer Erkenntnis strebt, berühmt werden will usw. Die „Idee“ nützt ihn nicht für „ihre Zwecke“ aus, er gibt sich vielmehr voll an sie hin, weil er ein persönliches Ziel erreichen will.

Ich spreche immer von Ideen. Um zu erklären, was ich unter einer Idee verstehe, verweise ich auf die Unterscheidung zwischen genetischer und kulturteller Evolution.

Voraussetzung der Evolution ist die Replikation. Sie ist die Fähigkeit, von sich selbst  Kopien herzustellen. Das Leben auf Erden begann damit, dass vor etwa 3,77 Milliarden Jahren in einem der Urmeere eine chemische Verbindung entstand, die sich dadurch fortpflanzen konnte, dass sie von sich „1/1“ Kopien herstellte. Dabei kam es auch zu „Fehlkopien“, die ebenfalls von sich selbst „1/1“ Kopien anfertigten. Diese „Fehlkopien“ konnten sich entweder schlechter oder besser als ihre „Mutterkopien“ und den übrigen Fehlkopien an ihre Umgebung anpassen. Es kam zu Konkurrenzsituationen, in der jeweils die besser geeigneten Kopien die anderen verdrängten.

Nach der Memtheorie spielt sich unsere Kulturevolution im Bereich der MEME ab. Danach ist ein MEM ein „einzelner Bewusstseinsinhalt, zum Beispiel ein Gedanke“. Ich will in diesem Zusammenhang an ein Volkslied denken. Wenn ich es höre, entsteht in mir eine Kopie des Lieds. Wenn ich es singe, erzeuge ich bei jedem meiner Zuhören ebenfalls eine Kopie des Lieds. Wenn Dreißig mir zuhören, sind es dreißig Kopien, die ich weitergebe. Jede von ihnen ist aber keine 1/1 Kopie. Ich muss ja nicht gerade falsch singen. Es genügt, wenn ich nicht in derselben Stimmlage singen kann, die ich gehört habe.

Mitunter ergibt es sich, dass ich mit Bekannten zusammensitze und Volkslieder singe. Dabei kommt es häufig vor, dass wir verschiedene textliche und melodische Varianten kennen. Wir entscheiden uns für die Variante, die den meisten von uns zusagt.  Auf die Übrigen „vergessen“ wir. Dann komme ich heim und rufe einen Freund an. Ich sage ihm, ich hätte ein schönes Lied gehört. Wenn ich es ihm am Telefon vorsinge, halte ich dann auch an die Variante, auf die wir uns im Singkreis geeinigt hatten? Kann sein oder auch nicht.

Mit diesem Vergleich möchte ich zwei, für die Evolution grundlegende Begriffe veranschaulichen. Der eine ist der Begriffe „Replikation“, durch die „1/1“ Kopien oder abweichende (fehlerhafte) Kopien entstehen. Der andere ist der Begriff Selektion. Die Variante, die uns besser zusagt, verdrängt im Singkreis die anderen. Somit haben sie sich im Singkreis nicht durchgesetzt und wurden in ihm „selektiert“. In diesem Zusammenhang ist der Singkreis ein eigenes Ganzes, das wir Memplex nennen. Wenn ich nun meinem Freund das Lied in der von mir favorisierten Version vorsinge, entsteht ein neuer Memplex. Wenn nun mein Freund mit seinen Kindern das Lied singt, entsteht wieder ein Memplex, zu dem z.B. auch der Gesang seines Kleinkindes gehört.

Nun bitte ich Sie, sich vorzustellen, wie viele Varianten von einem Liede insgesamt möglich sind. Es ist nicht verwunderlich, dass von einem einzigen Volkslied im Laufe der Zeit eine nicht vorstellbare Zahl an Varianten entsteht.

Wenn ich mit gläubigen Menschen spreche, weisen sie ständig auf die Vielfalt der irdischen Lebewesen hin. Sie meinen, sie sei ohne Schöpfergott nicht möglich. Sie wollen bekehren und haben keine Ahnung davon, dass die Evolution 3,77 Milliarden Jahre zur Verfügung hatte, bis sich ab dem Ursprung des Lebens die heutige Vielfalt entwickeln konnte. Können wir uns irgendwie vorstellen, wie viele Milliarden Replikationen und Selektionen in diesem Zeitraum stattgefunden haben? Versuchen wir uns, vorzustellen, wie viele Millionen dieser Vorgänge bei der heutigen Zahl der Lebewesen pro Sekunde stattfinden. Dabei darf ich nicht an die Zahl der Bakterien denken, die in mir leben, oder an all die Kleinlebewesen im Boden und im Wasser. Wir können uns ja nicht einmal vorstellen, wie viele Evolutionsprozesse heute pro Sekunde stattfinden. Die Evolution ist auch ohne Gott allgegenwärtig.

Benützte Quellen: Darwins, Der Gotteswahn, Ullstein 2014, Kapitel 5.; Daniel C. Dennett, Den Bann brechen, Teil 1, Pandoras Büchse wird geöffnet, Abschnitt 1 und 2, Anhang A die neuen Replikatoren. Wikipedia, Kath Erich, Philosophie für Durchschnittsmenschen, https://de.wikibooks.org/wiki/Philosophie_für_Durchschnittsmenschen Abschnitt über das Leben und Anhang; Wikipedia Mem https://de.wikipedia.org/wiki/Mem Wikipedia Meme https://de.wikipedia.org/wiki/Meme

 

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