“Verschwörungsmythen” von Holm Gero Hümmler

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S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2019, ISBN 978-3-7776-2780-9, 223 Seiten

Verschwörungsglaube hat Konjunktur! Wikipedia listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit für das 20. Jahrhundert sechzig und für das 21. Jahrhundert bereits zehn bedeutende Verschwörungstheorien auf: „Sie beinhalten bestätigte und widerlegte, aber auch noch unklare Theorien, die religiöse, politische, kulturelle oder alltagskulturell motivierte Verschwörungen behandeln“. Der Physiker Holm Gero Hümmler, engagiertes Mitglied der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), beschreibt die dahinterliegenden Phänomene und lotet sie an sechs großen Beispielen aus.

„Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“ lautet der Untertitel des Buches. Es richtet sich in erster Linie nicht an eingefleischte Verschwörungsgläubige, oder an gut informierte Verschwörungsskeptiker, sondern an Menschen, die mit Beschwörungsbehauptungen konfrontiert sind und ernsthafte Überprüfungen, ehrliche Antworten und Anstöße für eigene Überlegungen und Recherchen suchen. Dabei bietet es vor allem Hilfestellung im Bereich naturwissenschaftlich-technischer Argumentationen.

Wer für seine Sachbehauptungen überprüfbare Belege anführt, verdient, damit ernst genommen zu werden. Auch wenn diese Belege leicht widerlegbar erscheinen, muss man sie dennoch zuerst einmal widerlegen“. Die Argumente, die für Verschwörungsbehauptungen vorgebracht werden, sind oft technischer oder naturwissenschaftlicher Art (z.B.: das World Trade Center hätte nicht allein durch Feuer einstürzen können, die Flagge auf dem Mond hätte sich ohne Atmosphäre nicht bewegen können, Kondensstreifen müßten sich weit schneller auflösen, als man es bisweilen beobachtet); vorgebliche Sachargumente wirken überzeugender als politische Begründungen, sind aber nachprüf- und widerlegbar (wobei Fragen offen bleiben können, die Verschwörungsbehauptungen wiederum befeuern). Unter „Verschwörung“ versteht man in der Regel eine geheime Verabredung mehrerer Personen zu Machenschaften, die andere als schädlich ansehen. Neben den eigentlichen Verschwörungstheorien gehören dazu auch sogenannte „False-Flag-Operationen“, bei denen Tatbeteiligte nicht nur freiwillig agieren, sondern auch als Befehlsempfänger miteinbezogen sind (z.B. der Überfall auf den Sender Gleiwitz, der als Vorwand zum Kriegsbeginn gegen Polen diente). Vor allem antisemitische Thesen werden oft mit dem Verweis auf angebliche False-Flag-Operationen begründet (z.B. auch, dass Hitler selbst ein Werkzeug geheimer jüdischer Weltverschwörung gewesen sei.

In einem Gastbeitrag des Psychologen Sebastian Bartoschek wird die Frage „Warum wollen wir an Verschwörungen glauben?“ erörtert (S. 18ff):
Jeder psychisch gesunde Mensch glaubt an Verschwörungstheorien, manche Menschen sind dazu jedoch anfälliger als andere. Die Erklärung liegt in allgemeinpsychologischen (evolutionär bedingten) Effekten, die jeden Menschen betreffen und in individualpsychologischen Größen. Das Gehirn ist – evolutionär sehr wichtig – darauf spezialisiert, Zusammenhänge, Muster und Strukturen zu entdecken; die evolutionär erfolgreichere Strategie ist, mehr Muster zu erkennen und mehr Gefahren zu erwarten als tatsächlich vorhanden sind. Diese überbordende Mustererkennung begünstigte zum einen das Entstehen von Religionen, die über beobachtbare Wirkzusammenhänge komplexere Erklärungsmuster stülpen und zum anderen auch die Entstehung von Verschwörungstheorien – individualpsychologisch zeigt sich, dass viele hochreligiöse Menschen besonders stark auch an Verschwörungstheorien glauben. Religionen und Verschwörungstheorien eint die Vereinfachung von Ursache und Wirkung, die Entrückung der eigentlich Handelnden auf eine höhere Ebene mit Regeln und Anleitungen, was zu tun ist, um Sicherheit zu erlangen. Verschwörungstheorien unterscheidet von Religionen, dass sie fast nie positive Projektionsflächen bieten und wenig Spiritualität beinhalten; sie sind letztlich negativistischer als die Mehrzahl der Religionen, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass es tatsächlich auch Verschwörungen gibt, gegen die man sich wappnen muss (z.B. Watergate, Iran-Contra-Affäre).

Zu den allgemeinpsychologischen Effekten, die begünstigen, dass ein Mensch beim Glauben an eine Idee, Ideologie, Meinung oder eben Verschwörungstheorie bleibt, gehört die „confirmation bias“ (Bestätigungstendenz, S. 20 ff.): Wir halten jene Informationen am ehesten für wahr, die unseren Überzeugungen entsprechen und finden bei entsprechender Suche – in neuerer Zeit vom Internet massiv unterstützt – immer mehr Bestätigungen für „unsere“ Theorien. Dazu kommt, dass Verschwörungstheorien dabei helfen, „Selbstwirksamkeit“ zu erlangen – eigenes Pech, Krankheiten und Leiden bekommen dadurch Begründung und Sinn. Auch bieten sie – wie Religionen – Anleitungen und Handreichungen zu Maßnahmen, die man zur Abwehr negativer Auswirkungen ergreifen soll; was den Glauben an sie wiederum verstärkt.

Zusätzliche Erklärungsansätze zur Neigung, an Verschwörungen zu glauben, beruhen darauf, dass Verschwörungsbehauptungen im erzählerischen Sinne meist bessere, interessantere Geschichten als nüchterne Sachverhalte bieten und dass der Trend zur Abkehr von Fakten weitgehend auch auf Emotionen beruht. Verschwörungsglaube kann in vielen Fällen auch als eine Form von Religion gesehen werden.

Nach diesen grundlegenden Einführungen widmet sich das Buch anhand aktuell bedeutender Verschwörungstheorien sehr ausführlich den dazu vorgebrachten Behauptungen: „Stimmen sie, oder stimmen sie nicht?“:
• „Stahl schmilzt nicht bei Zimmerbränden – Der 11. September und die Wahrheit der Truther-Bewegung“.
• „Apollo aus Hollywood – Die Mondlandung und die angeblichen Fehler bei der Inszenierung“.
• „Die Erdbebenmaschine- Wie eine kleine Forschungsanlage in Alaska die Welt terrorisieren soll“.
• „Tod aus der Luft – Was Chemtrail-Gläubige sehen, wenn sie in den Himmel schauen“.
• „Hitlers Hightech – Von Flugscheiben und Oasen am Südpol“.
• „Ist die Erde hohl oder flach – oder vielleicht beides?“
Holm Gero Hümmler stellt den jeweiligen Behauptungen und Argumenten der Verschwörungsgläubigen sachlich und ohne Häme die objektiven Sachverhalte – mit Fotos sowie Tipps für eigene Recherchen und Beobachtungen – entgegen.

Manche Argumente von Verschwörungsautoren sollten zum Nachdenken anregen; z.B. bei Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung von Ereignissen, oder bei Thesen, die auch zu Veröffentlichungen seriöser Wissenschaftler, bzw. von Behörden oder der Wirtschaft passen. Zweifel und gesundes Misstrauen gegenüber Mächtigen sind durchaus angebracht, man sollte sie zum Anlass nehmen, nachzuforschen, um sich Klarheit zu verschaffen. „Für die aktive Beteiligung in einer demokratischen Gesellschaft ist es unverzichtbar, sich ein qualifiziertes Bild von der Glaubwürdigkeit von Verschwörungsbehauptungen zu machen“ (S. 190).

Generell gilt: „Je mehr ein Ergebnis die eigenen Erwartungen sowie politischen und weltanschaulichen Einstellungen bestätigt, desto kritischer soll man damit umgehen!“ Zur Vorgangsweise bei der Konfrontation mit Verschwörungsmythen empfiehlt der Autor, „die richtigen Fragen“ zu stellen:
• Was wird eigentlich behauptet (offizielle Sachverhalte, die bestritten werden, alternative Sachverhalte, die behauptet werden, emotionale Aufladung der Botschaft, Appelle für Handlungen, Belege gegen die offiziell anerkannten und für die eigenen Erklärungen der Sachverhalte)?
• Welcher Art sind die vorgebrachten Belege (wie weit besitzen sie Interpretationsspielraum – idealerweise sollten sie keinen zulassen)?
• Was kann ich selbst überprüfen (z.B. in bezug auf Fehlerquellen, auf Modellbildungen) und wie viele Mitwisser gibt es (mit statistischen Methoden konnte aufgezeigt werden, dass Verschwörungen mit mehr als 1.000 Mitwissern keine Chance haben, über längere Zeit unentdeckt zu bleiben)?
• Wem kann ich glauben (im Hinblick auf Kompetenz, Objektivität und Nachvollziehbarkeit)?

Verschwörungsmythen“ ist ein empfehlenswertes Buch für kritische – auch selbstkritische – Leserinnen und Leser mit einschlägigem Interesse! Es vermittelt breites Wissen und bietet interessante Denkanstöße, nicht zuletzt auch mit der Darstellung evolutionärer und psychologischer Bedingtheiten für intellektuelle Verführbarkeit und (Leicht)Gläubigkeit. Die Beschreibung und Widerlegung weit verbreiteter, konkreter Verschwörungsbehauptungen sind spannend zu lesen, können aber auch überflogen werden (was bei besonders abstrusen Hirngespinsten, z.B. der „Flacherdler“, sogar empfehlenswert sein kann).

About Gerfried Pongratz

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