Widersprüchliche Denkrichtungen

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Auf der obersten Sprosse einer Leiter hat man einen besseren Überblick als auf der untersten. Es ist nicht richtig, alles nur vom Standpunkt unserer heutigen Wirklichkeit zu betrachten. Als ich vor 87 Jahren geboren wurde, stand mein Lebensweg noch nicht fest. Heute kenne ich ihn.

Nur ein geringer Teil dessen, was zur Stunde meiner Geburt möglich und offen gewesen war, wurde Wirklichkeit. Zuviel hat sich in meinem Leben und in der Welt ereignet, als dass das tatsächlich Gewordene hätte geplant oder voraussehen werden können.

Es gibt zwei Denkrichtungen, welche Prinzipien der Evolutionen bewusst oder faktisch widersprechen. Eine von ihnen will uns weismachen, dass hinter der Vielfalt und Schönheit der Welt ein planender Schöpfergott stehen muss, der das Sein und Sosein der Welt begleitet und bestimmt.

Warum sollte es aber einen Solchen geben? Zum Wesen der Evolution gehört es schlicht und einfach, dass sie „passiert“. Am Beginn des Lebens stand noch nicht fest, was mit ihm einmal geschehen wird. Heute wissen wir, was bisher erreicht wurde. Das ist doch nicht schwer zu verstehen.

Schwieriger ist es, die moralische Entwicklung der Menschheit einzuordnen und zu verstehen. „Zoologisch korrekt lässt sich der Mensch beschreiben als Mitglied der Ordnung der Primaten, der Unterordnung der Trockennasenaffen, […][1] Als solches haben wir Heutigen eine lange Evolution hinter uns. Das betrifft auch unser Verhalten. Damit meine ich, dass es falsch ist, vom Standpunkt des modernen Kulturmenschen aus, das Verhalten früherer Entwicklungsperioden zu bewerten. Warum sollten nur körperliche Fortentwicklung vom ursprünglichen Affen zum Heutigen der Evolution unterliegen? In jedem ihrer Stadien hat sich auch der Affe mit all seinen natürlichen Verhaltensweisen entwickelt. Was hätte er sonst tun sollen? Von heute auf morgen stufenlos ein modern denkender Mensch werden? All die Grausamkeiten vergangener Zeiten gehörten zum Entwicklungsprozess des Affen zum modernen Menschen.

Gleiches gilt auch für Völker und Nationen, die noch im vorwissenschaftlichen Denken verhaftet sind. Damit können wir uns nicht abfinden. Wir treten, ob wir wollen oder nicht, in einen „Revierkampf“ ein. Dadurch wird das Alte sukzessive selektiert. Ich gehe etwa von der Entwicklung der Menschheit zu einem postreligiösen Zeitalter aus. Doch auch hier lässt sich die Evolution nicht vorherbestimmen. Immerhin vermag niemand zu sagen, wie lange es noch Menschen oder Kulturmenschen geben wird. Evolution ist eben ein Naturgesetz, das ungeplant Entwicklungen geschehen lässt.

[1]              Michael Schmidt-Salomon, Jenseits von Gut und Bösem, Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 2. Auflage 2012, Position 4674

 

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