Doris Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche; Rezension von Dr. Emmerich Lakatha

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„Doris Wagner (verheiratete Reisinger), geb. 1983, ist studierte Theologin und Philosophin. Nach dem Abitur gehörte sie 8 Jahre der ´geistlichen Familie Das Werk´ an.“[1] 2014 erschien ihr Buch „Nicht mehr ich“, in dem über den ihr dort vielfach widerfahrenen „geistlichen Missbrauch“ berichtet.[2] Das vorliegende Buch erschien 2019 und befasst sich mit den „unterschiedlichen Facetten des Phänomens der manipulativen Seelenführung im Bereich der katholischen Kirche.“[3] 

Übergeordnete Bedeutung des Buchs

Das Buch beschränkt sich zwar im Wesentlichen auf die Verhältnisse innerhalb der katholischen Kirche. Die Fülle der in ihm enthaltenen Details berechtigt jedoch, davon auszugehen, dass es in seiner Gesamtheit ein signifikantes Fallbeispiel dessen ist, in welcher Weise unser Selbstbestimmungsrecht gefährdet werden kann und zu was es führen kann, wenn es verletzt wird. Weder persönliche, familiäre, gesellschaftliche oder weltanschauliche Gemeinschaften noch die Aufgabenerfüllen der Staaten sind davon ausgenommen.

Gliederung des Buchs

Das Buch gliedert sich in Vorwort, Vorbemerkungen, die Notwenigkeit und Grenzen der spirituellen Selbstbestimmung, die spirituelle Not, die drei Formen von geistlichen Missbrauch, die Stellung der Kirche zur spirituellen Selbstbestimmung, Vorbeugung gegen spirituellen Missbrauch und Rückgewinnung der spirituellen Freiheit, Schlussbemerkung, Anmerkungen sowie den Abschnitt „Über die Autorin“.

Das spirituelle Selbstbestimmungsrecht als Mittelpunkt des Buchs

Im Mittelpunkt des Buchs steht das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Wie ernst es der Autorin trotz ihres Nahverhältnisses zur Religion ist, zeigt der Absatz. „Eine solche spirituelle Sackgasse wird zweifellos schwerwiegende Folgen für das Kind haben, nicht nur für sein spirituelles Wohlbefinden, sondern auch für sein emotionales Gleichgewicht und seine psychische Gesundheit. – Um heil aus dieser Sackgasse herauszukommen, braucht das Kind alternative spirituelle Ressourcen: eine atheistische Weltanschauung wäre in dieser Situation zweifellos eine Befreiung, aber so radikal muss es gar nicht sein. Auch ein anderes Gottesbild könnte ihm helfen […].“ [4]

1.   Anmerkungen zur Spiritualität.

  1. a) Es gibt keine anerkannte Definition von Spiritualität. Im Buch wird sie als Sinnstiftung verstanden. Sie ist weder unbedingt religiös noch irrational (wie etwa die Esoterik) und beinhaltet das Bedürfnis nach Sinn. Sie ist fähig, Dingen Bedeutung zu geben und eine Lebenbewältigungstechnik zu sein.
  2. b) Ob und wieweit Spiritualität als Lebensbewältigung taugt, hängt davon ab, ob jemandem die nötigen Ressourcen zugänglich sind, um das einzuordnen und zu bewältigen, was ihm im Leben begegnet.
  3. c) Von der Spiritualität zu unterscheiden ist die spirituelle Handlungsfähigkeit. Sie beginnt mit der Geburt, und wird durch die wechselnden Lebensumstände kontinuierlich verändert. Zwischen ihr und den Lebensumständen bestehen ständige Wechselwirkungen. Darum kann etwa eine bestehende spirituelle Handlungsfähigkeit durch Veränderung der Umstände zur (temporären) Handlungsunfähigkeit werden. Als Beispiel könnte etwa die Eingliederung von Flüchtlingen in die Verhältnisse ihrer neuen Heimat dienen. Die Ressourcen zur Bewältigung des Lebens im Herkunftsland sind verschieden von denen, die für die Lebensbewältigung im Einwohnerland notwendig sind.
  4. d) Spirituelle Selbstbestimmung besteht darin, dass jemand seine spirituellen Ressourcen selbst auswählen kann.
  5. d) Unter geistlicher Begleitung kann man jemanden verstehen, der einem anderen spirituelle Ressourcen anbietet.

2.  Notwenigkeit und Grenzen der spirituellen Selbstbestimmung

  1. a) Das Selbstbestimmungsrecht ist ein allgemeines Menschenrecht. Gleiches gilt auch für die spirituelle Selbstbestimmung. Sie bedeutet in ihrem Wesen ja nur, dass jeder das Recht hat, auch die Zielsetzungen seines Lebens selbst zu bestimmen.
  2. b) Das Selbstbestimmungsrecht wird durch die Gefährdung eines höhere Guts beschränkt. Es besteht also die Forderung nach einer Interessensabwägung. Die Ansicht, was ein höheres Gut ist, ist jedoch bei religiösen Menschen und Atheisten verschieden. Darum unterscheidet das Buch auch zwischen der ethischen und theologischen Sichtweise.

3.  Spirituelle Not

„Eine Person befindet sich dann in einer spirituellen Not, wenn sie spirituell nicht genug ausgestattet ist, um ihrem Leben und ihren Erfahrungen eine positive Deutung zu geben.“[5]

4.  Die drei Formen des geistlichen Missbrauchs

„Geistlicher Missbrauch ist die Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechtes.“ [6]

  1. a) Spirituelle Vernachlässigung: Sie ist ein Manko der zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer für einen Menschen, etwa für ein Kind, verantwortlich ist und sich nicht um dessen spirituelle Entwicklung kümmert, ist ebenso schuldig, wie etwa Eltern, die sich nicht um eine gesunde emotionale Entwicklung ihrer Kinder sorgen. Im Mittelpunkt steht, seinen Anvertrauten zu einer spirituellen Selbstbestimmung zu verhelfen.
  2. b) Spirituelle Manipulation: Ihre Begehungsform ist das subtile Untergraben der spirituellen Freiheit durch Anwendung verschiedener Techniken. Als persönlich erlebte Beispiele erinnere ich mich an viele von Theologen veröffentlichten Werke, die vorgeben, wissenschaftlich zu sein.
  3. c) Spirituelle Gewalt: Sie setzt sich offen und brutal über den Willen des anderen hinweg. „Wenn jemand erinmal in der Falle spiritueller Fremdbestimmung sitzt, in der eine bestimmte Autorität vorgibt, was gilt, was richtig und was falsch ist, und wenn es neben dieser Autorität keine höhere Instanz und keinen anderen Orientierungsrahmen mehr gibt, auf die er sich berufen könnte, dann kann diese Autorität buchstäblich alles von diesem Menschen verlangen, ohne dass sich dieser wehren könnte. Auf diese Weise werden Opfer spirituellen Missbrauchs auch moralisch korrumpiert und zu unethischen Handlungen genötigt.[7]

5.  Wie die Kirche zur spirituellen Selbstbestimmung steht.

In der Kirche gibt es zwei inkompatibel Traditionen.[8]  Die eine ist menschenfreundlich orientiert, die andere autoritär. Beide Richtungen bestehen nebeneinander.

Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es unter der Nummer 1782:

„Der Mensch hat das Recht, in Freiheit seinem Gewissen entsprechend zu handeln und sich dadurch persönlich sittlich zu entscheiden. Er darf also nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Er darf aber auch nicht daran gehindert werden, gemäß seinem Gewissen zu handeln, besonders im Bereich der Religion.“

Unter der Nummer 1783 heißt es:

Das Gewissen muss geformt und das sittliche Urteil erhellt werden. Ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahrhaftig. Es folgt bei seinen Urteilen der Vernunft und richtet sich nach dem wahren Gut, das durch die Weisheit des Schöpfers gewollt ist. Für uns Menschen, die schlechten Einflüssen unterworfen und stets versucht sind, dem eigenen Urteil den Vorzug zu geben und die Lehren der kirchlichen Autorität zurückzuweisen, ist die Gewissenserziehung unerlässlich.[9]

Damit bleiben einem nur zwei Möglichkeiten: Die Autorität zu respektieren und sein Freiheitsrecht zurückzustellen oder sein Freiheitsrecht wahrzunehmen und die Meinung der Autorität zu ignorieren. Kann man da überhaupt von einem innerhalb der Kirche bestehenden spirituellen Selbstbestimmungsrecht sprechen? Das Sagen hat in jedem Fall immer nur die kirchliche Autorität. Sie ist ja die einzige maßgebliche Ressource, aus der ein Katholik schöpfen darf. Nur am Rande bemerkt: Das gilt auch für die wissenschaftlichen Erkenntnisse. In Glaubenssachen und Angelegenheit der Moral (und Ethik!!) fühlt sich das Lehramt als in letzter Instanz entscheidungsberechtig.

[1]          Cover des Buchs

[2]          Ebenda

[3]          Ebenda

[4]          Seite 73f

[5]          Seite 69

[6]          Seite 79

[7]          Seite 143

[8]          Seite 148ff.

[9]          Im Buch zitiert auf S 150

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