Der Unterschied zwischen Fairness und Gleichmacherei

This entry was posted in GBS (at), rationality, Wissenschaft and tagged , . Bookmark the permalink.

Alle Seiten dürfen zu Wort kommen und jedem Standpunkt wird gleich viel Platz geboten – das ist fair und ausgewogen. Oder? Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Objektivität wird oft ein Gleichgewicht vorgegaukelt, wo es keines gibt.

Ich bin überzeugt, dass uns alle eine magische, unsichtbare Aura aus purer Energie umgibt. Für mich steht die Existenz der Aura fest, und das lasse ich mir nicht ausreden. Sie widersprechen mir und führen Fakten gegen meine Aura-Theorie ins Feld? Okay, machen wir einen Deal.

Ich habe meine Meinung, sie haben Ihre Meinung. Weil wir fair miteinander umgehen wollen, behandeln wir unsere Meinungen gleichwertig. Wir möchten schließlich auf Augenhöhe diskutieren und einander respektvoll behandeln. Einigen wir uns also darauf, dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Ihre Meinung ist ein bisschen wahr und mein emotionales Gespür für die Aura ist ein bisschen wahr.

Also: Die Aura ist nicht unsichtbar, sondern nur halb unsichtbar – und entweder spürt man sie, oder eben nicht. Ein guter Kompromiss, wir haben beide gewonnen und gleich viel zur Wahrheitsfindung beigetragen. Toll, oder etwa nicht?

Falsche Balance

Was mit den Aura-Beispiel überspitzt beschrieben wurde, ist medial zum Normalfall geworden. In TV-Shows diskutieren Mediziner und Astronomen mit Homöopathen und Astrologen. In Zeitungsartikeln erklären uns Religionsvertreter und kirchennahe Politiker, wie wichtig Religion für uns alle ist und wieso christliche Symbole nicht aus dem öffentlichen Raum entfernt werden dürfen. Anstatt in sachlichen Diskussionen das bessere Argument gelten zu lassen, wird den Vertretern des Unsachlichen hier eine Bühne geboten. Das alleine ist noch kein Grund für Kritik, schließlich herrscht Meinungsfreiheit- und Glaubensfreiheit. Das Problem ist die Balance, die hier suggeriert wird. Durch Gleichbehandlung aller Standpunkte zu einem bestimmten Thema ein Gleichgewicht vorzugaukeln, wo es keines gibt, ist das genaue Gegenteil von Fairness.

Kaum jemand würde auf die Idee kommen, den oben beschriebenen Kompromiss der halb-unsichtbaren Aura Ernst zu nehmen. Wieso ist das bei anderen Themen anders? Entweder wirken vermeintliche Wundermittel von selbst ernannten Heilern oder sie wirken nicht. Entweder sind unsere heutigen Werte (z.B. Meinungsfreiheit) christlichen Ursprungs oder sie sind es nicht.

Vermeintliche Objektivität ist zudem meist schlecht geplant und durchgeführt. Ein Beispiel: Die Konfessionsfreien sind nach den Katholiken die größte, weltanschauliche Gruppe in Österreich. Medial sind konfessionsfreie Menschen kaum präsent, im Denken vieler RedakteurInnen scheinen sie also nicht vorzukommen. Die falsche Balance ist also nicht nur vorgegaukelt, sie ist auch noch schlecht und extrem einseitig vorgegaukelt. Denn: Wenn allen Standpunkten gleich viel Platz geboten werden soll, wo sind dann die Nicht-Gläubigen in den medialen Debatten zu religiösen Themen zu finden?

Falsche Balance lässt sich leicht vermeiden – wenn man will

Im Prinzip gilt für jede Meinungsverschiedenheit: Wer für einen Standpunkt eintritt, hat diesen selbst zu verteidigen. Das bedeutet: Kritik daran muss widerlegt und der eigene Standpunkt auf Basis nachvollziehbarer Argumente erklärt werden. In der Realität schieben Personen, die ihre eigenen Standpunkte nicht verteidigen können, die Beweislast aber oft zu ihren Kritikern. (Sie glauben mir nicht, dass uns eine unsichtbare Aura aus purer Energie gibt? Dann beweisen Sie mir, dass es nicht so ist!) Eine weitere beliebte Taktik ist der Vorwurf der Befangenheit. (Sie halten meine Aura für Blödsinn? Das ist nur so, weil Sie engstirnig sind!)

Wichtig sind Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit. Die Flucht in die emotionale oder mystische Welt als Erklärungsversuch ist nichts anderes als der fadenscheinige Versuch, über das Fehlen vernünftiger Argumente hinweg zu täuschen. Warum? Da das Faktische und Überprüfbare objektiv nachvollziehbar, das Emotionale hingegen höchst subjektiv ist. Wenn also aus keinem anderen Grund, dann sollte wenigstens als kleinster, gemeinsamer Nenner das objektive stärker gewichtet werden als das subjektive. Auf emotionaler Ebene lassen sich wunderbar Geschmacksfragen, z.B. Musik und Literatur, diskutieren. Themen mit vermeintlichen Wahrheitsansprüchen allerdings nicht.

Menschen verdienen Respekt, das gilt aber nicht für alle menschlichen Standpunkte und Ideen. Was offensichtlich falsch ist, sollte nicht als wahr oder halbwahr behandelt werden. Jeder Kompromiss ist dabei ein fauler Kompromiss. Das trifft auf viele umstrittene Themengebiete zu: Medizin vs. Homöopathie, Wissenschaft vs. Glaube, kurz: Fakten vs. Nicht-Faktisches.

Echte Fairness statt Beliebigkeit

Fairness bedeutet nicht, alle Standpunkte zu einem Thema gleich zu behandeln bzw. dem Vertreter jedes Standpunktes eine Bühne bieten zu müssen. Fairness bedeutet, jeden Standpunkt auf seine Stichhaltigkeit zu prüfen und keinen einzigen per se auszuschließen. Ansonsten passiert, was zurzeit auf allen medialen Kanälen (auch und insbesondere im Social Media-Bereich) passiert:

  • Ernstzunehmende und nicht ernstzunehmende Standpunkte werden uns als gleichwertig präsentiert.
  • Balance wird vorgegeaukelt, wo es keine gibt. Selbst dieses Vorgaukeln ist schlecht gemacht.
  • Der journalistische Grundgedanke, den Lesern möglichst stichhaltige Informationen zu liefern, wird untergraben.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>