Prophet und unerbittlicher Wächter der Vernunft

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Richard Dawkins: „Forscher aus Leidenschaft“

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2018, ISBN 978-3-550-05026-8, 524 Seiten

Es gibt in der Welt eine objektive Wahrheit, und unsere Aufgabe ist es, sie zu finden(S. 17) – mit diesen Worten beschreibt einer der wichtigsten Denker unserer Zeit die Ziele seines Lebens. Der 1941 geborene britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins gehört zu den bekanntesten Verfechtern von Wissenschaft und Aufklärung; seine zahlreichen Bücher, Aufsätze, Vorträge etc. finden weltweit ein begeistertes Publikum, stoßen wegen ihrer z.T. atheistischen und religionskritischen Inhalte aber auch auf heftige Ablehnung. Das vorliegende Buch enthält 41 – davon 20 bislang unveröffentlichte – Beispiele aus Dawkins Essays, Vorträgen und journalistischen Schriften der letzten drei Jahrzehnte, die er zusammen mit der Herausgeberin Gillian Somerscales ausgewählt, thematisch gruppiert und mit hilfreichen Kommentaren und aktualisierenden Nachworten versehen, präsentiert.

Die Beiträge behandeln neben naturwissenschaftlichen Themen Überlegungen zum Wert von Wissenschaft, Ausführungen zur Geschichte und Rolle der Wissenschaft sowie übergreifende Themen der Philosophie, Religion und Politik; oftmals mit Humor und feiner Ironie, aber auch mit persönlicher Betroffenheit gewürzt. Alle Abschnitte beginnen mit informativen Einleitungen durch Gillian Somerscales, die die Hintergründe der Texte und Denkweisen des Autors offen legen:

 „Richard Dawkins ist nicht nur ein Prophet der Vernunft, er ist auch ihr unermüdlicher Wächter, seine Prinzipien sind dabei durch und durch von Mitgefühl, Großzügigkeit und Freundlichkeit durchtränkt…. Er will komplexe Wissenschaft nicht nur zugänglich, sondern begreiflich machen, und das ohne „verdummende Vereinfachung“. Immer besteht er auf Klarheit und Richtigkeit, und dabei dient ihm die Sprache als Präzisionswerkzeug, als chirurgisches Instrument“ (S. 23ff).

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der behandelten Themen einzugehen. Acht große Teilbereiche mit 41 Unterkapiteln, ergänzt durch einen umfangreichen Anmerkungsteil mit Quellen- und Literaturverzeichnis, vermitteln ein weit umfassendes Panorama an Wissen mit tiefgründigen weiterführenden Gedanken und Analysen; hervorzuheben ist dabei auch die (hervorragend übersetzte) klare und schöne Prosa der Texte, die laut Gillian Somerscales alle 13 Bücher und Schriften Dawkins auszeichnet.

Wie kann man das Buch lesen? In einem Zug, oder wie ein Nachschlagewerk, Kapitel für Kapitel, mal vorne, mal hinten: So hat es sich dem Rezensenten erschlossen, der noch oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird. Aus der Vielzahl der ihm besonders bemerkenswert erscheinenden Themen sei – ohne inhaltliche Gewichtung – eine kleine Auswahl vorgestellt:

  • Teil I, „Wert(e) der Wissenschaft“, behandelt in vier großen Aufsätzen den Kern von Wissenschaft: Was ist sie, was macht sie, wie betreibt man sie am besten. Ein offener Brief an Prinz Charles (S. 78ff), in dem er dessen Wissenschaftsfeindlichkeit und Sammelsurium widersprüchlicher Alternativen beklagt („Am meisten betrübt mich, Sir, dass Ihnen so Vieles entgeht, wenn Sie der Wissenschaft den Rücken kehren“) verdeutlicht Dawkins Anliegen. In einem aktuellen Nachwort zu diesem Brief analysiert und kritisiert er außerdem sehr scharfsinnig das Referendum über die britische Mitgliedschaft in der EU: „Konnte es eine Frage geben, die sich weniger für ein einziges Plebiszit eignete?… Um des kurzfristigen politischen Manövers in seiner eigenen Partei willen spielte David Cameron russisches Roulette mit der langfristigen Zukunft seines Landes, Europas und sogar der ganzen Welt“ (S. 84/85).
  • Teil II, „All ihre gnadenlose Pracht“, beschreibt, wie Wissenschaft betrieben wird. Er beschäftigt sich mit der Entwicklung der Evolutionstheorie, die heute als wissenschaftliche Tatsache voll anerkannt ist; in vier Kapiteln werden besonders wichtige Aspekte (Aufsätze von Darwin und Wallace, Universeller Darwinismus, Ökologie der Replikatoren, 12 Missverständnisse der Verwandtenselektion) behandelt.
  • Teil III, „Bedingte Zukunft“, bilden Aufsätze zum Internet, zur Frage nach intelligenten Außerirdischen, zur Suche nach außerirdischem Leben sowie auch Gedanken „zur Seele“ (S. 233ff):Die „Seele-1“, als spiritueller Teil des Menschen, von dem man glaubt, dass er nach dem Tod weiterlebt, wird von der Wissenschaft nach und nach zerstört; eine „Seele-2“, als „Erschaudern vor dem Schönen, als intellektuelle oder spirituelle Kraft“, wie sie z.B. von Einstein, Carl Sagan und Dawkins selbst („Der entzauberte Regenbogen“) beschrieben wurde, steht im Zusammenhang mit subjektivem Bewusstsein; „…nach meiner Überzeugung werden wir es verstehen, und zwar irgendwann vor 2057“ (S. 237).
  • Teil IV: „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“:
    Sieben Kapitel bieten u.a. brillante Widerlegungen des Kreationismus und untersuchen nüchtern, umfassend, nachdenklich das Phänomen Religion sowie das „Warum“ von Glauben und Glaubenspraxis.Eine der Kernfragen dazu lautet: „Welchen Überlebenswert hatte in der Vergangenheit unserer wilden Vorfahren ein Gehirn, dessen Disposition sich in der kulturellen Gegenwart als Religion manifestiert?“ Eine von mehreren Antworten liegt in der natürlichen Selektion von Kindergehirnen zur Neigung, alles zu glauben, was Eltern und Stammesälteste sagen (S. 290/291).Ein Unterkapitel führt die Behauptung, „Glaube“ an die Naturwissenschaft sei selbst eine Form von Religion, ad absurdum: „Zwischen einem Glauben, den man verteidigen kann, indem man sich auf Belege und Logik beruft, und einem Glauben, der durch nichts anderes gestützt wird als durch Tradition, Autorität oder Offenbarung, liegen Welten“ (S. 305).In einem offenen Brief „Frohe Weihnachten, Herr Premierminister“ an David Cameron (S. 273) bekennt sich Dawkins zum Wert religiöser Traditionen, legt dabei aber auch dar, weshalb Unterricht von und über Religionen handeln soll und nicht Religionen indoktrinieren darf. Konfessionelle Etikettierungen von Kindern (katholisch, protestantisch, muslimisch usw.) führen zu einem „Ethos der Spaltung“ und ebnen „zumindest an Orten wie Belfast und Glasgow den Weg für lebenslange Diskriminierung und Vorurteile“ (S. 274).
  • Teil V, „Leben in der Wirklichkeit“, widmet sich in mehreren Unterkapiteln dem Engagement und nüchternen Zutrauen zur Fähigkeit der objektiven Vernunft, „vielleicht nicht immer Lösungen, stets aber positive Wege in die Wirklichkeit aufzuzeigen“.
    In „Die tote Hand Platons“ beschreibt Dawkins die „Tyrannei des diskontinuierlichen Geistes“: Platons „Essentialismus“ ist „eine der heimtückischsten Ideen der gesamten Geistesgeschichte“ (S. 321).
    Eine Abrechnung mit dem Lamarckismus und Plädoyers gegen Gläubigkeit an Übernatürliches sowie für Engagement zu Vernunft, Logik, Wissenschaft und evidenzbasierter Wahrheit bilden weitere Ausführungen, denen auch ein leidenschaftlicher Aufruf gegen oft verdrängtes Tierleid beigeschlossen ist.
  • Teil VI, „Die heilige Wahrheit der Natur“ und Teil VII, „Lachen über lebende Drachen“, erläutern einerseits die „Arbeitsweise“ „natürlicher Evolutionswerkstätten“ (Galapagos Inseln) am Beispiel der komplexen Evolution von Riesenschildkröten und ironisieren, persiflieren andererseits religiöses Spendensammeln und religiöse Ansichten zur Abstammung des Menschen. Dawkins versteht sich dabei auf geistreiches Spotten und widerlegt damit einmal mehr die Behauptung, er sei ein humorloser Atheist.
  • Teil VIII, „Der Mensch ist keine Insel“, ist als letzter Teil Menschen gewidmet, die Dawkins besonders schätzt und verehrt. Neben Lies und Niko Tinbergen sowie seinem Vater John Dawkins und Onkel A.F. „Bill“ Dawkins ist es vor allem Christopher Hitchens, den er würdigend in eine Reihe mit Bertrand Russel, Robert Ingersoll, Thomas Paine und David Hume stellt: „Sein (Anm.: Hitchens) Charakter selbst ist zu einem herausragenden, unverkennbaren Symbol für die Ehrlichkeit und Würde des Atheismus geworden, aber auch für den Wert und die Würde des Menschen, der nicht durch das infantile Geplapper der Religion herabgewürdigt wird“ (S. 459).

    Die Herausgeberin Gillian Somerscales vermerkt zu dieser Rede Dawkins anläßlich einer Preisverleihung an Hitchens: „Es ist eine eigenartige, aber durchaus passende Ironie des Schicksals, dass vieles von dem Lob, das er (Anm.: Dawkins) Hitchens zollt, mit ebenso großer Rechtfertigung auch ihm selbst gezollt werden könnte: „der führende Kopf und Gelehrte unserer atheistisch/säkularen Bewegung“, ein „sanft ermutigender Freund der Jungen, der Zaghaften“, gleichermaßen fähig zu „durchdringender Logik“, „schneidendem Witz“ und „Mutig-Unkonventionellem“. Kein Wunder, dass sie Seelenverwandte waren“ (S. 433/434).

Ein Buch, aus dem nicht nur Dawkins-Anhänger, sondern alle unvoreingenommen einschlägig Interessierten Gewinn ziehen werden. Es bietet reichen Erkenntnisgewinn bei hohem Lesegenuss und wird dem Anliegen, „das Absperrseil zwischen begründeter Phantasie und unbegründeter Spekulation aufzuspannen, das Undenkbare zu denken und es damit denkbar zu machen“ (S. 202), voll gerecht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

About Gerfried Pongratz

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