Bertrand Russell: „Warum ich kein Christ bin“

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Auswahl von Zitaten mit Hervorhebungen und Unterstreichungen durch Gerfried Pongratz

Bertrand Russell – der zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist – hielt den Vortrag “Why I am not a Christian” am 6. März 1927 unter der Schirmherrschaft der National Secular Society. Russell geht dabei besonders auf die Gottesbeweise und auf den Charakter Christi ein. Die Zitate sind dem gleichnamigen, 1963 im Münchner Szeszny Verlag erschienenen Buch entnommen.

Was ist unter dem Wort “Christ” zu verstehen? Es wird heutzutage von sehr vielen Menschen in einer recht allgemeinen Bedeutung gebraucht. Manche verstehen darunter bloß eine Person, die sich bemüht, ein gutes Leben zu führen. Ich verstehe unter einem Christen nicht irgendeine Person, die sich entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten bemüht, anständig zu leben. Nach meiner Ansicht muß man ein gewisses Mindestmaß an festem Glauben besitzen, bevor man das Recht hat, sich einen Christen zu nennen.

 Was ist ein Christ?

Ich finde jedoch, dass es zwei Punkte gibt, die für jeden, der sich einen Christen nennt, wesentlich sind. Der erste ist dogmatischer Natur – dass man nämlich an Gott und die Unsterblichkeit glauben muß. Wenn Sie an diese beiden Begriffe nicht glauben, so können Sie sich nicht einen Christen nennen. Darüber hinaus muß man, wie schon der Name sagt, in irgendeiner Form an Christus glauben. Ich meine, man muß wenigstens daran glauben, dass Christus, wenn schon nicht göttlich, so doch zumindest der Beste und Weiseste der Menschen war. Wenn Sie nicht einmal soviel von Christus glauben, haben Sie meiner Ansicht nach kein Recht, sich als Christen zu bezeichnen.

Die Existenz Gottes:

Die katholische Kirche hat zum Dogma erhoben, dass sich die Existenz Gottes durch die Vernunft beweisen läßt.

Der Beweis einer ersten Ursache:

Das Argument, das wohl am einfachsten und leichtesten zu verstehen ist, ist das einer ersten Ursache. (Es wird behauptet, dass alles, was wir auf dieser Welt sehen, eine Ursache hat und dass man zu einer ersten Ursache gelangen muß, wenn man die Kette der Ursachen immer weiter zurückverfolgt, diese erste Ursache nennt man Gott.)

>Wer hat Gott erschaffen?< Wie ich noch immer glaube, machte mir dieser ganz einfache Satz den Trugschluß im Argument der ersten Ursache deutlich. Wenn alles eine Ursache haben muß, dann muß auch Gott eine Ursache haben.

Der Beweis durch das Naturgesetz:

Ferner gibt es das weitverbreitete Argument des Naturgesetzes. Für uns sind jedenfalls die Naturgesetze nicht mehr dieselben wie im Newtonschen System, wo sich die Natur aus irgendeinem Grund, den niemand verstehen konnte, einheitlich verhielt. Jetzt erkennen wir, dass sehr vieles, was wir für ein Naturgesetz gehalten haben, in Wahrheit menschliches Übereinkommen ist. Kurz, dieser ganze Streit über das Naturgesetz hat bei weitem nicht mehr das Gewicht, das er früher hatte.

Der teleologische Gottesbeweis:

Der nächste Schritt in dieser Entwicklung bringt uns zum teleologischen Argument. Sie alle kennen es: Die ganze Welt ist genau so beschaffen, dass wir darin leben können, und wenn sie nur ein wenig anders wäre, könnten wir darin nicht leben.

Die moralischen Gottesbeweise:

Früher gab es bekanntlich drei Vernunftbeweise für die Existenz Gottes, die alle von Immanuel Kant in der “Kritik der reinen Vernunft” entkräftet wurden; aber kaum hatte er sie abgetan, erfand er einen neuen, einen moralischen Beweis, Das veranschaulicht nur, was die Psychoanalytiker so sehr betonen – nämlich, wie unendlich stärker wir von unseren frühkindlichen Assoziationen beeinflußt werden als von denen späterer Altersstufen. Eine davon besagt, ohne die Existenz Gottes gäbe es weder Gut noch Böse.

Das Argument der ausgleichenden Gerechtigkeit:

Dann gibt es noch ein sehr eigenartiges moralisches Argument, nämlich die Behauptung, die Existenz Gottes sei nötig, um Gerechtigkeit in diese Welt zu bringen.

Mängel in der Lehre Christi:

Er sagt beispielsweise: “Ihr werdet noch nicht fertig sein mit den Städten Israels, bis der Menschensohn kommt.” Dann sagt er: “Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie den Menschensohn in seinem Reiche kommen sehen.” In dieser Hinsicht war er eindeutig nicht so klug wie manche andere Menschen, und die höchste Weisheit besaß er ganz gewiß nicht.

Das moralische Problem:

Wenden wir uns nunmehr moralischen Fragen zu. Christus hatte nach meiner Ansicht einen sehr schweren Charakterfehler, nämlich dass er an die Hölle glaubte.

Das gefühlsmäßige Moment:

Wie gesagt, glaube ich nicht, dass der wahre Grund, warum die Menschen einer Religion anhängen, etwas mit Beweisen zu tun hat. Sie sind religiös aus Gründen des Gefühls.

Wie die Kirchen den Fortschritt verzögert haben:

Vielleicht sind Sie der Meinung, ich gehe zu weit, wenn ich behaupte, dass das noch immer so ist.

Angst als Grundlage der Religion:

Die Religion stützt sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. Die Wissenschaft, und ich glaube auch unser eigenes Herz, kann uns lehren, nicht mehr nach einer eingebildeten Hilfe zu suchen und Verbündete im Himmel zu ersinnen, sondern vielmehr hier unten unsere eigenen Anstrengungen darauf zu richten, die Welt zu einem Ort zu machen, der es wert ist, darin zu leben, und nicht zu dem, was die Kirchen in all den Jahrhunderten daraus gemacht haben.

Was wir tun müssen:

Wir wollen auf unsern eigenen Beinen stehen und die Welt offen und ehrlich anblicken – ihre guten und schlechten Seiten, ihre Schönheit und ihre Häßlichkeit; wir wollen die Welt so sehen, wie sie ist, und uns nicht davor fürchten. Wir wollen die Welt mit unserer Intelligenz erobern und uns nicht nur sklavisch von dem Schrecken, der von ihr ausgeht, unterdrücken lassen.

Die ganze Vorstellung von Gott stammt von den alten orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die freier Menschen unwürdig ist. Wenn man hört, wie sich die Menschen in der Kirche erniedrigen und sich als elende Sünder usw. bezeichnen, so erscheint das verächtlich und eines Menschen mit Selbstachtung nicht würdig.

Wir sollten uns erheben und der Welt frei ins Antlitz blicken. Wir sollten aus der Welt das Bestmögliche machen, und wenn sie nicht so gut ist, wie wir wünschen, so wird sie schließlich immer noch besser sein als das, was die andern in all den Zeitaltern aus ihr gemacht haben.

Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut, sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft und eine freie Intelligenz. Sie braucht Zukunftshoffnung, kein ständiges Zurückblicken auf eine tote Vergangenheit, von der wir überzeugt sind, dass sie von der Zukunft, die unsere Intelligenz schaffen kann, bei weitem übertroffen wird.

About Gerfried Pongratz

http://www.pongratz.or.at http://regiowiki.at/wiki/Gerfried_Pongratz

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