“Ein Jahrhundertdenker – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft”

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Styria Buchverlage 2018, ISBN 978-3-222-15019 -7, 239 Seiten

 Meiner Meinung nach ist Karl Popper der größte Wissenschaftstheoretiker, der je gelebt hat“, so der Biologe (Nobelpreisträger) Sir Peter Medawar. Karl Raimund Popper (1902 – 1994) ist unbestritten einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, seine Erkenntnisse zur Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politischen Theorie etc. haben sich als richtungsweisend erwiesen und gesellschaftspolitische Entwicklungen und Diskussionen sowie auch moderne wissenschaftliche Methodik entscheidend geprägt. Der Grazer Philosophieprofessor Kurt Salamun, ein ausgewiesener Kenner Karl Poppers, unternimmt den Versuch, den Gelehrten in seinen vielen Aspekten und seinem bedeutenden Wirken einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen; sein Buch bietet interessierten Lesern tiefe Einsichten in das äußerst umfangreiche Werk Poppers.

Um es vorwegzunehmen: des Autors Vorhaben ist hervorragend gelungenen! In auch für philosophisch Ungeübte gut verständlicher Sprache, sehr umfassend mit zahlreichen Originalzitaten und vielen Querverweisen (auch zu Kritikern) versehen, vermittelt das Buch Poppers Gedanken und Erkenntnisse zu freiem, rationalem Denken, zu kritischer Vernunft, zur Wertschätzung einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Der Untertitel verweist auf Poppers wichtiges Anliegen, die „offene Gesellschaft“; darüber hinausgehend beleuchten die Ausführungen auch alle anderen Gebiete von Poppers Denken, das in seiner Tiefe und Vielseitigkeit seinesgleichen sucht. Kurt Salamun liegt dabei sehr daran, zu zeigen, „dass sich Poppers Philosophie nicht auf eine positivistisch orientierte Erkenntnis- und Wissenschaftslehre reduzieren lässt“, sondern „vielmehr das Bild eines kritisch-rationalen Menschentyps, der als normative Zielvorstellung eine Vorbildfunktion haben kann“ entwirft (S. 7).

Das Buch gliedert sich sehr übersichtlich in drei Haupt- und zahlreiche Unterkapitel. In LEBEN beschreibt der Autor Poppers Kindheit und Jugend, seine Schul- und Universitätserfahrungen, seine Arbeit als Möbeltischler und Lehrer (Popper und seine Frau Anna Henninger waren engagierte Mitgestalter der Wiener Schulreformbewegung) sowie seine Begegnungen mit dem Wiener Kreis und den Neopositivisten („Hauptverursacher von Pseudoproblemen ist die Metaphysik“). 1936 emigrierte er mit seiner Frau nach Neuseeland, lehrte an der Universität in Christchurch und erarbeitete dort u.a. sein sozialphilosophisches Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. 1946 erhielt Popper den Ruf als Professor für Logik und wissenschaftliche Methode an die London School of Economics (LSE), wo er 23 Jahre unterrichtete. Auch nach seiner Emeritierung forschte und publizierte Popper (als lebenslanger Workaholic) unermüdlich weiter und entwickelte dabei auch seine evolutionäre Erkenntnistheorie mit trialistischer Seinslehre (Materie, Bewusstsein, Geist – Welt 1, 2, 3).

In „Geistesgrößen, die Popper entscheidend geprägt haben“ beschreibt der Autor Einflüsse von Sokrates, Mill, Kant, Einstein, Bühler und Hayek auf Poppers Denken; so wurde z.B. Einsteins Arbeitsweise zum zentralen Prinzip von Poppers wissenschaftlicher Methodenlehre, dem Falsifizierungsprinzip: „So kam ich 1919 zum Schluß, dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen konnten, nie aber als wahr erweisen“ (S. 44). Von Karl Bühler wurde für Popper das „Organonmodell“ der Sprache richtungsweisend; „die im Verlauf der evolutionären Sprachentwicklung entstandene argumentative Funktion der Sprache macht es möglich, weltanschauliche Hypothesen und Theorien „sterben zu lassen“, anstelle von Menschen“ (S. 46).

WERK vermittelt Poppers Lerntheorie und Erkenntnislehre, seine Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politische Theorie und sein liberales Menschenbild. Popper erläutert die Funktion des Gedächtnisses (assoziationspsychologische Lerntheorien lehnt er ab) und kennzeichnet die Ableitung von Theorien durch einen Induktionsvorgang als „vordarwinistisch“ (S. 58). Ein wichtiges Unterkapitel bildet „Das Aufklärungsethos und das Ideal der Selbstbefreiung durch Wissen“ („als einer der letzten Nachzügler des Rationalismus und der Aufklärung glaube ich an die Selbstbefreiung des Menschen durch das Wissen…“(S. 61), wobei er sich aber auch gegen eine Überschätzung der Vernunft („Essentialismus“) wendet und sich von den Zielen der sprachanalytischen Philosophie distanziert (“man soll nie versuchen, exakter zu sein, als es die Problemsituation erfordert“ (S. 67)).

„Das Begründungsmodell der Erkenntnis und die Konzeption der kritischen Rationalität“ erläutert die für die Wissenschaft wichtigen Postulate des Kritischen Rationalismus: Das Falsifikationsprinzip (im Gegensatz zum Verifikationsprinzip) und die Ablehnung des logischen Induktionsmodells (Schlussverfahren vom Besonderen zum Allgemeinen) als Begründung von Erkenntnisbehauptungen (bei der Entstehung von Erkenntnissen können allerdings induktive Denkschritte mit im Spiel sein). Gedanken zum „Münchhausen Trilemma“, zur Fallibilitätsthese (prinzipielle Fehlbarkeit und Irrtumsanfälligkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens), zum wissenschaftlichen Fortschritt durch Versuch und Irrtum, zur kritisch-rationalen Vernunftauffassung und zu verschiedenen Aspekten des Kritischen Rationalismus bilden den Kern weiterer Ausführungen. Kritisches Problemlösungsverhalten im Gegensatz zu dogmatischem Rechtfertigungsdenken ist das Fundament von Poppers Erkenntnis- und Wissenschaftslehre (S. 133).

Im Unterkapitel „Moralische Wertprinzipien der kritischen Vernunft“ beschreibt Kurt Salamun Poppers Offenheit für Kritik sowie die Pflicht zur Selbstkritik und seine Ideale der individuellen Freiheit und Toleranz als wichtige Prinzipien humanitärer Ethik. Gleichzeitig warnt Popper vor Absolutierungen des Freiheits- und Toleranzprinzips, die zu Paradoxa der Freiheit und der Toleranz (Toleranz auch gegenüber Intoleranten) führen können. Intellektuelle Redlichkeit und intellektuelle Bescheidenheit bilden weitere Grundpfeiler in Poppers Wertesystem, in dem ganz oben auch „negativer Utilitarismus“ (nicht Maximierung von Glück, sondern Minimierung von Unglück ist das Ziel) rangiert.

Die kritische Auseinandersetzung mit Karl Marx bildet einen beträchtlichen Teil in Poppers Sozialphilosophie. Ihr, wie auch Fragen, ob Gesellschaften durch radikale Revolutionen, oder durch schrittweise Reformen verändert werden sollen, werden eigene Unterkapitel gewidmet, wobei Poppers Ideal einer offenen, demokratischen Gesellschaft mit ihren Voraussetzungen, Risiken und Herausforderungen ausführlich zur Erörterung gelangt. „Offene Gesellschaft“ besitzt bei Popper eine deskriptiv-normative Bedeutung, sie sei „Realität wie Ideal“; als wichtiges Merkmal erachtet er die institutionelle Absicherung der größtmöglichen Freiheit für den Einzelnen (S. 126). Zur Frage, wer im Staat regieren soll, meint er: „Wie können wir politische Institutionen so organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten?“ (S. 127). Popper betont die Rolle der Rechtsstaatlichkeit, die sich im Drei-Säulen-Prinzip (Legislative, Exekutive und Justiz) manifestiert und auch, dass eine offene Gesellschaft politisch-weltanschaulichen Pluralismus und friedliche politische Konkurrenz erfordert – ähnlich, wie es in der Wissenschaft notwendig ist, „Theorienpluralismus“ herzustellen.

„Das ideologiekritische Potential des Kritischen Rationalismus“ beschreibt Poppers Ideologiekritik und die Grundmuster ideologischen Denkens (absolute Wahrheits- und Ausschließlichkeitsansprüche, Erkenntnismonopole und Interpretationsprivilegien, Immunisierungsstrategien, Feindbilder, Tarnungen und Wertungen, Verschwörungstheorien usw.). In „Ideologische Grundmuster in Nationalsozialismus, Marxismus-Leninismus und Islamismus (IS) übt Kurt Salamun unter Bezug auf Popper eingehend Kritik an diesen Ideologien, denen er die „Grundzüge einer liberal-demokratischen Weltanschauung“ gegenüberstellt und mit „Richtlinien zur kritischen Prüfung von Weltanschauungen und Ideologien“ einen Fragenkatalog als Prüfstein bei der Beurteilung von Weltanschauungen anfügt.

WIRKUNG beschreibt Poppers Resonanz in Wissenschaft und Politik. Popper wirkt als Begründer der Denkrichtung des Kritischen Rationalismus und mit seinen gesellschaftsphilosophischen Vorstellungen in eine breite Öffentlichkeit. „Seine Erkenntnis- und Wissenschaftslehre bildet einen wichtigen Bestandteil des Wissenschaftsverständnisses unserer Zeit und beeinflußt stets von neuem Grundlagendiskussionen in vielen Wissenschaftsdisziplinen…… viele seiner Gedanken sind auch für die Geistes- und Kulturwissenschaften bedeutsam geworden“ (S. 192). Zahlreiche bedeutende Forscherpersönlichkeiten betonen den Einfluss Poppers auf ihr Denken. Im deutschen Sprachraum ist es vor allem Hans Albert, der sich Poppers Werk und dessen Verbreitung intensiv widmet (seine Arbeiten wurden von Popper als adäquateste und konstruktivste Darlegun-gen seiner Philosophie gewürdigt); in Österreich gibt es ebenfalls zahlreiche Wissenschaftler – u.a. den Autor dieses Buches -, die sehr wesentliche Beiträge zur Verbreitung und Diskussion von Poppers Werk leisten.

Poppers Wirkung auf Schüler und Freunde mit einer „Persönlichkeitsskizze“ und Anmerkungen zur öffentlichen und akademischen Rezeption Poppers in Österreich beschließen ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, das in keiner Bibliothek natur-, geistes- und kulturwissenschaftlich interessierter Leserinnen und Leser fehlen sollte.

Anmerkung des Rezensenten: Zum Thema Toleranz und Offene Gesellschaft sei auch auf Michael Schmidt-Salomons Buch “Die Grenzen der Toleranz” verwiesen, das u.a. Poppers diesbezügliche Gedanken vertieft, erweitert und aktualisiert.

About Gerfried Pongratz

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