Luther: Wegbereiter für Gewalt

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Robert Kaufmann:
Rezension des Buches “Schluss mit Luther: Von den Irrwegen eines Radikalen” von Peter Henkel. Tectum Verlag, ISBN-13: 978-3828839588, Taschenbuch, 198 Seiten.

Peter Henkel ist Journalist und Buchautor. Er hat sich in diesem Buch eingehend mit Martin Luther kritisch auseinandergesetzt, hat hierzu Expertenliteratur gelesen, aber vor allem auch Luther selbst zu Wort kommen lassen, dies insoweit, als er aus Schriften des religiösen Reformators zitiert und auch aus Reden, die häufig von der anwesenden Zuhörerschaft mitgeschrieben wurden.

Hieraus gelangt der Autor auf sehr gut nachvollziehbare Weise zu folgendem Ergebnis Luther betreffend: Das allgemeine Bild von Luther ist allzu sehr beschönigt, so wie dies bei anderen wahnhaft-religiösen bedeutsamen Personen wie Jesus, Paulus, Thomas von Aquin oder Mohammed (vgl. etwa zu Jesus das lesenswerte Buch von Kubitza „Der Jesuswahn“) der Fall ist. Henkel kommt daher zu einem wohl realitätsnäheren Lutherbild als dies gerade bei den 500-Jahres-Feierlichkeiten in Erinnerung an den Reformator im Jahr 2017 der Fall sein dürfte.

Luther war danach vor allem ein religiöser Fanatiker, der sich selbst irrig (wie jeder andere Mensch auch) für ein Sprachrohr Gottes (gemeint: der Christengott, der als moralisch und intellektuell minderwertiges Konstrukt der menschlichen Phantasie neben Jahwe als zweiter neuerer Gott in der Bibel erschaffen wurde; vgl. Kaufmann „Götter-Menschen, Menschen-Götter, Der überfällige Abschied von Götzenbildern“) hielt, was nahezu notwendig zur Konsequenz hatte, dass er Menschen, die seine Sicht von der Welt nicht teilten, für äußerst minderwertig bzw. sogar zum Teil für vom Satan befallen (so insbesondere auch den Papst) betrachtete. Man findet daher bei ihm das für monotheistische Religionen typische Gewalt begünstigende extreme Freund-Feind-Schema, das sich auch in seiner als äußerst rabiat zu charakterisierenden Sprache manifestieren lässt (Das Buch selbst bietet zahlreiche abschreckende Beispiele.). Luther förderte mit seiner brachialen Sprache und seiner gänzlich unnachgiebigen Haltung den totalen Bruch im Christentum und begünstigte die nachfolgenden Gewaltexzesse, die vor allem in dem Dreißigjährigen Krieg gipfelten.

Außerdem finden sich bei Luther zahlreiche offene Gewaltaufrufe gegen spezifische Menschengruppen (was heutzutage zumindest unter Volksverhetzung fallen würde; vgl. Seite 115), vor allem gegen die Bauern in den sogenannten Bauernkriegen. Diesen gegenüber, beziehungsweise ihren Nöten, brachte Luther zwar zunächst ein gewisses Verständnis entgegen, letztlich bezog er aber eindeutig Stellung für die Obrigkeit und gab sogar konkrete Anweisungen zu Blutbädern unter dem von ihm so bezeichneten Bauernhaufen, denn er schreibt etwa wie folgt (Seite 152): „Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wie er kann. Gleich, als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss.“ Luthers Weltsicht bezeugt sich auch daraus, dass er die Bauern an die (schwachsinnige) Kreuzestheologie erinnert hat, wonach das Leben eines rechten Christen nicht in der Auflehnung gegen das Leid bestehe, sondern darin, es geduldig hinzunehmen und zu erdulden als gottgewollte Prüfung. Luther war offensichtlich von Leitgedanken der Französischen Revolution wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weit entfernt beziehungsweise war er diesen Ideen sogar diametral entgegengesetzt eingestellt. Luther war nur Rebell in seiner eigenen Sache, aber sonst sehr auf die Bewahrung der gesellschaftlichen hierarchisch strukturierten Ordnung bedacht.

Luther war den Juden in seinen frühen Lebensjahren relativ wohlgesinnt, dies jedoch unter der Annahme, dass Juden zu dem – selbstverständlich einzig wahren und richtigen Glauben – dem Luthertum, überlaufen würden. Als dies jedoch mehr oder weniger nicht der Fall war, wurde Luther zu einem extremen Judenhasser. Luthers Programm für die Juden im Jahr 1543 war: Vertreibung, Enteignung, Berufsverbot, Zwangsarbeit, Zerstörung von Häusern, Gotteshäusern und Schulen sowie die Todesstrafe für jüdische Geistliche, die von ihrer religiösen Arbeit nicht lassen wollten.

Der Autor tritt in Zusammenhang mit dem Judenhass Luthers auch dem Argument von Lutherapologeten hier – und auch in Zusammenhang mit zahlreichen anderen Themen wie etwa dem Hexenwahn und der extrem ablehnenden Haltung gegenüber körperlich behinderten oder missgebildeten Kindern (sogenannte Wechselbälger) – entgegen, Luther sei eben nur ein Kind seiner Zeit gewesen. Henkel betont, dass sich Luther, wie in anderen Zusammenhängen auch, besonders hervorgetan und menschenverachtende Extrempositionen bezogen hat. Deswegen waren Luthers Schriften, Juden betreffend, in der Nazizeit sehr beliebt und für die verbrecherischen Ziele der damaligen Machthaber auch gut nutzbar.

Luthers Dogmatik ist wie folgt zu skizzieren: Luther betrachtet den Menschen mehr oder minder als ein sündiges Nichts. Sein Menschenbild ist geprägt von einem radikalen Pessimismus. Gott steht dagegen für majestätische – für Menschen, insbesondere für die von Luther gering geschätzte Vernunft – weithin unergründliche Allmacht.

Es ist dem Autor zuzustimmen, dass Martin Luther nicht ein gedankliches Tor in die Moderne eröffnete. Der Reformator war durch und durch reaktionär und religiös verstockt, hatte keine aufklärerischen oder modernen Gedanken und war auch kein Menschenfreund.

Fazit: Ein sehr gelungenes Werk, fußend auf einer umfassenden Recherche, mit dem sehr gut nachvollziehbaren Ergebnis der gänzlichen Entzauberung eines der (nur vermeintlich) ganz Großen der Menschheitsgeschichte.

About Gerfried Pongratz

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