„Im Lichte der Evolution – Darwin in Wissenschaft und Philosophie“

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Ein Opus Magnum des renommierten Wissenschaftlers – und GBS-Beirates – Prof. Gerhard Vollmer; 613 Seiten geballtes Wissen mit tiefgreifenden Erkenntnissen und einer Vielzahl weiterführender Gedanken zu einer der wichtigsten Entdeckungen des Homo sapiens, der Evolutionstheorie!

„Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Lichte der Evolution“ konstatiert 1973 der Biologe Theodosius Dobzhansky. Mittlerweile ahnen wir, dass diese Feststellung nicht nur für die Biologie gilt, sondern für nahezu alle Bereiche der Natur- und Geistesgeschichte, der materiellen und der immateriellen Welt, ja sogar für den gesamten Kosmos.

Gerhard Vollmer, zweifach promovierter Physiker und Philosoph sowie vielfach ausgezeichneter Wissenschaftsautor, Universitätsprofessor und Mitbegründer der Evolutionären Erkenntnistheorie, unternimmt hier den Versuch, alle Disziplinen darzustellen, in denen die Evolution eine wichtige Rolle spielt oder die durch den Evolutionsgedanken deutlich bereichert wurden, auch wenn der Bezug zur Evolution – im engeren oder weiteren Sinn – nicht immer der gleiche ist. Als ausgewiesener Zusammendenker von Wissenschaft und Philosophie zeigt Vollmer, welche Rolle der Evolutionsgedanke in Disziplinen spielt, die sich auf Evolution stützen, wobei er überzeugend belegt, dass die Evolutionstheorie allen Wissenschaften ein fruchtbares Denkmodell bietet. Behandelt werden 58 Disziplinen, wobei die Zusammenstellung vorwiegend Gebiete am Rande und jenseits der Biologie umfasst (die evolutionären Teildisziplinen der Biologie würden für sich allein schon ein dickes Buch füllen). „Die Faszination des Themas liegt vor allem darin, wie der Evolutionsgedanke in nichtbiologischen Disziplinen Fuß gefasst hat.“ (S. 15)

Wie soll man – auch nach Empfehlung des Autors – das Buch lesen? Vor den umfangreichen Anmerkungen gliedert es sich in vier größere Einheiten: Evolution allgemein, evolutionäre Disziplinen in den Wissenschaften, Darwin in der Philosophie sowie evolutionäre Disziplinen in der Philosophie. Auch für Laien gut verständlich, ist es so geschrieben, dass jedes Kapitel für sich gelesen werden kann; klare Gliederungen und Tabellen verleihen zusätzlich Übersicht und erleichtern den Zugang auch zu schwierigeren Themen. „Auch und gerade Außenstehende sollen verstehen, worum es jeweils geht… Neugier allein könnte durchaus genügen… Ich stelle mir deshalb gern vor, dass man in dem Buch schmökert wie in einem Lexikon“ (S. 16).

Die Faszination des Buches liegt für den Rezensenten, der noch sehr oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird, neben dem erschlossenen großen Wissensfundus vor allem in der schier unglaublichen Fülle an Erkenntnissen zur Rolle und Bedeutung der Evolutionstheorie in unterschiedlichsten – auch völlig unerwarteten – Disziplinen und in den dazu disziplinübergreifenden Gedanken des Autors. Die beiden wichtigsten Faktoren der biologischen Evolution, Variation und Selektion, werden dabei biologienah oder auch nur im übertragenen Sinn benützt; als Beispiele für nichtbiologische Bereiche der Evolution werden (S 25, Tabelle 2) 34 Wissenschaftsgebiete beschrieben, die von der Evolution der Atmosphäre, des Gewissens, der Kulturtheorie, Ethik, Musik, Astrophysik, Rechtstheorie, Sexualität, Linguistik, Technik und des Verhaltens bis zur Evolutionären Wissenschaftstheorie reichen. Weitere eindrucksvolle Beispiele enthalten die großen Hauptkapitel „Darwin und die Philosophie“ sowie „Teilgebiete einer evolutionären Philosophie“ oder auch das Kapitel „Evolutionäre Religionswissenschaft“ (S 276), das sich mit der Evolution von Religiosität, mit Neurotheologie, mit Evolutionärer Theologie sowie mit dem Wahrheitsgehalt religiöser Überzeugungen sachlich-kritisch beschäftigt; zudem auch mit Fragen, ob man schriftlose Religionen nachweisen kann, ob Religionen ihrerseits einer Evolution unterliegen, ob Religion nützlich ist und ob Gläubige bessere Menschen sind.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der aufgezeigten Themenbereiche einzugehen, genannt seien deshalb nur einige (von rund 70), dem Rezensenten besonders wichtig erscheinende Kapitel des Buches:
• In „Übergreifende und vergleichende Evolutionsszenarien“ werden die wichtigsten Wegbereiter der Evolutionswissenschaften beschrieben und z.T. auch zitiert (S 32).
• In „Evolutionäre Chemie“ (S 75) geht es um die Entstehung des Lebens und um „Evolutionäre Mechanismen“.
• Im großen Kapitel „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ (S 356) werden, ausgehend von der Hauptthese „Denken und Erkennen sind natürliche Leistungen des menschlichen Gehirns und dieses Gehirn ist seinerseits auf natürliche Weise in der biologischen Evolution entstanden“, u.a. Themen wie „Kausalität und Energieübertrag“ sowie Probleme, die von der evolutionären Erkenntnistheorie gelöst werden, aber auch die Fehlleistungen unseres Erkenntnisapparates (inklusive der Argumente für oder gegen „hypothetischen Realismus“), behandelt.
• Die Frage „Ist Willensfreiheit eine Illusion“ (S 397) wird auf mehreren Seiten in all ihren Aspekten (Determinismus ja oder nein, Verantwortung, Strafrecht etc.) beleuchtet.
• Das große und ebenfalls sehr bedeutende Kapitel „Evolutionärer Humanismus“ (S 415) widmet sich in zahlreichen Unterkapiteln dem „neuen Humanismus“, wobei der von Julian Huxley als neues Weltbild begründete „Evolutionäre Humanismus“ mit seinen derzeit bedeutendsten Protagonisten – Michael Schmidt-Salomon und Gerhard Engel – besondere Würdigung erfährt.
• Im Kapitel „Evolutionäre Zukunft“ (S 478) geht es u.a. um Fragen, ob die kulturelle Evolution die biologische abgelöst hat, ob der Mensch heute noch der biologischen Evolution unterliegt (was, eindrucksvoll belegt, bejaht wird), ob sich die Menschheit in verschiedene Arten aufspalten wird (was unwahrscheinlich ist) und ob das Abendland untergehen wird (was, abgesehen vom kosmologischen Ende unseres Planeten, offen bleibt). Die Menschheit bedrohende Gefahren (S 482), Gentechnik, Neuroenhancement und Transhumanismus bilden interessante Unterkapitel und werden tiefgründig erörtert.

In „Ein Art Schlusswort“ (S 491) bündelt der Autor – ausgehend von Charles Darwins, Isaac Newton, Sadi Carnot und Alfred Wallace – die Lehren und daraus zu ziehende Überlegungen sowie die Botschaft des Buches: Die Gesetze der Evolution sind auch auf Bereiche anwendbar, die mit Biologie nichts zu tun haben, wobei es hierbei noch ungeheuer viel zu entdecken und zu erklären gibt. „…Die Welt ist nicht weniger faszinierend, wenn wir sie erklären können… wir dürfen uns über vieles wundern, wir brauchen aber nicht an Wunder zu glauben… zum Glück hat es sich für unsere evolutionären Vorfahren gelohnt, neugierig zu sein….“.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, ein Standardwerk der Evolutionswissenschaften, das sicher in allen Bücherschränken einschlägig Interessierter seinen Platz finden wird.

About Gerfried Pongratz

http://www.pongratz.or.at

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