Der Religions-Reflex

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religulousBundespräsident Heinz Fischer traf sich mit diversen Religionsvertretern, um vor dem Hintergrund der Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo über gemeinsame Werte zu diskutieren. Laut einem Posting auf der Homepage Fischers gibt es „kein Anliegen der Welt, schon gar kein religiöses Anliegen, dem man mit Mord und Totschlag dienen oder nützen kann!“1 In einem Statement, welches mitunter auch sehr durchdacht gestaltet ist, findet sich zudem der Satz: „Bibel, Tora und Koran sind Bücher der Liebe, nicht des Hasses.“

Sieht man sich diese Bücher an, zeigt sich schnell ein anderes, sehr diffuses Bild. Siehe hierzu zwei kurze Ausschnitte aus der Bibel sowie dem Koran:

Bibel: „Aber ich sage euch, die ihr zuhöret: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch hassen.“ (Lukas/Bergpredigt, Kapitel 6, Vers 27) / „Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber liebhaben, müssen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht!“ (AT, Richter, Kapitel 5, Vers 31)

Koran: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ (Sure 5, Vers 33) / „O Gläubige, bekämpft die Ungläubigen, die in euerer Nachbarschaft wohnen; lasst sie eure ganze Strenge fühlen und wisst, dass Allah mit denen ist, welche ihn fürchten. „ (Sure 9, Vers 123)

Die Heiligen Bücher sind keine Anleitung zur Nächstenliebe oder zum Krieg. Sie widersprechen sich teils selbst, was mitunter ja auch ein Grund ist, weshalb jeder darin eine passende Stelle finden kann, um seine Handlungen zu untermauern. Als Bücher der Liebe können sie jedenfalls nicht gelten, wenn man nicht große Teile der jeweiligen Schrift ausblendet.

Es scheint hier wieder mal der Fall zu sein, dass den Charlie Hebdo-Anschlägen die religiöse Legitimation abgesprochen werden soll – Islamische Glaubensgemeinschaften und Vertreter haben klar gegen solche Taten Stellung bezogen. Ohne diese jetzt angreifen oder brandmarken zu wollen (das ist ganz klar nicht die Intention dieses Artikels): Religion bei solchen Geschehnissen außen vor zu lassen und den Tätern die Rechtfertigung ihrer Taten aus der Religion selbst zu verweigern, ist de facto nicht möglich. Einfach, weil sich für oder gegen solche Anschläge Rechtfertigungen finden lassen.

In Österreich gibt es beinahe einen Reflex, was solche Themen angeht. Extremisten sind dann plötzlich nicht religiös, da friedliche, die Menschenrechte achtende Organisationen die Religion für sich beanspruchen. Die Hintergründe der Taten werden woanders gesucht. Das ist verständlich, da viele Faktoren – nicht nur religiöse – auf den Menschen einwirken. Aber: dieses reflexartige „mit der Religion an sich hat das nichts zu tun“ ist lächerlich, da von jedem, der ein paar Minuten Zeit dafür aufwendet, ohne Weiteres widerlegbar. Siehe die oben genannten Bibel- beziehungsweise Koranausschnitte.

Tafeln und Plakate mit „Je suis Charlie“, mittlerweile eher Symbol als Satz, helfen da hierzulande auch nicht viel. Niemand in der politischen Landschaft kann wirklich Charlie sein, solange Religionen durch den „Blasphemieparagraph“ §188 StGB immer noch staatlicher Schutz gewährt wird. Offener Umgang mit der Rolle der Religionen – auch in ihren unliebsamen Ausprägungen – ist längst überfällig. Ob das einem nun gefällt oder nicht. Ich vermute bei unseren PolitikerInnen eher Zweiteres.

2 Antworten zu Der Religions-Reflex

  1. Thomas_Mayr says:

    Das moderne Österreich hat es verabsäumt seine gesetzten Maßstäbe=Gesetze umzusetzen.Diese Land (und somit seine Staastbürger) gibt sich eine Leitlinie wie den §7 der Verfassung (alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich.Vorrechte aufgrund der Geburt,des Geschlechtes,des Standes,der Klass UND der Religion sind ausgeschlossen) und es dachte keine Minute daran diese Vorgaben umzusetzen.Ich denke, die Mehrzahl der Wahlfähigen Bürger kennen diesen Artikel nicht und selbst wenn Sie ihn kennen würden, wollten Sie ihn nicht umsetzen.Das könnte ja Unangenehm werden.Deshalb werden Frauen im Vergleich zu Männern weiter benachteiligt. Religionen und Weltanschauungen welcher Art auch immer werden im Vergleich zur röm.kath Lehre in allen Bereichen des gemeinschaftlichen Lebens benachteiligt.Mit diffusen Sprüchen von christlichen Werten (die meist von denjenigen die sie vorgeben schützen zu wollen selbst nicht benannt werden können,weil sie sie selber nicht kennen.Oder gibt es diese Werte gar nicht und sie werden mit den Werten der Aufklärung verwechselt?) werden alle anderen mundtot gemacht oder zur Mithilfe gerufen.Kein Wunder,wenn es Muslimen stinkt,wenn Ihre Kinder und Sie selbst andauernd im öffentlichen Raum mit allen möglichen und unmöglichen christlichen Symbolen und Weisheiten bedrängt werden.Von der Bedrängung von säkularen Menschen spreche ich hier gar nicht.I have a dream: Ein säkulares Österreich.Religion dort wo sie hingehört,ins private.Im übrigen bin ich der Meinung,dass die Menschheit sich erst weiterentwickeln wird ,wenn sie die Religionen überwindet.

  2. Heinz Bauer says:

    Bei der Gleichberechtigung der Frauen wird jetzt immer ein großes I geschrieben (BürgerInnen)was ok ist aber wenn das Wort Kreatur das erschaffen impliziert müsste das geändert werden denn hier vermisse ich das richtige Wort das könnte bzw. Evolute sein was sicher unschön oder ungewohnt klingt aber sicher richtiger ist. Die Evolution wird hier noch immer vollkommen negiert.
    Heinz

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