Das Recht auf einen selbstbestimmten, würdevollen Tod

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letzte_hilfe_cover_arnoldDas Thema “Sterben in Selbstbestimmung und Würde” beschäftigt sehr viele Menschen. In Deutschland soll bislang erlaubte Suizidbegleitung auf Wunsch des Gesundheitsministers und einiger Abgeordneter verboten werden, in Österreich wollen diverse Parlamentarier das derzeit noch bestehende Verbot sogar in Verfassungsrang heben. In beiden Ländern regt sich entschiedener Widerspruch, in Österreich auch verbunden mit dem Wunsch nach Liberalisierung ähnlich der derzeit in Deutschland bestehenden Regelung (Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten unter http://letzte-hilfe.de/ für Deutschland und unter http://www.letztehilfe.at/ für Österreich).

Der Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold, bekannt unter der meist abwertend gebrauchten Bezeichnung “Dr. Tod”, hat – unterstützt von Michael Schmidt-Salomon – zur Thematik Sterbehilfe/Suizidbegleitung ein sehr informatives, auch sehr persönliches und berührendes Buch vorgelegt, das ich hiermit wärmstens empfehle:

Uwe-Christian Arnold: „LETZTE HILFE – ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben“ – Rowohlt Verlag, 10/2014.

Der eigene Tod: Ein Thema, das früher oder später (fast) jeden von uns beschäftigt, (fast) jedem von uns zu elementaren Fragen des eigenen Lebens und Sterbens Antworten abnötigt. “Der Tod bleibt immer gleich, doch jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod” (Carson McCullers). Doch wie, unter welchen Umständen, sollte dieser – der nur mich betreffende, der nur mir gehörende Tod – eintreten? Die allgemein erwünschte Antwort: Nach einem langen und erfüllten Leben, rasch und möglichst schmerzlos, im “noch”- Vollbesitz mentaler und körperlicher Grundfähigkeiten und somit auch in größtmöglicher persönlicher Würde! – So weit der Wunsch; dass seine Erfüllung vielen Menschen nicht vergönnt ist, ist den meisten von uns schmerzlich bewusst.

Wie kann unsere Gesellschaft ein würdevolles Sterben ermöglichen? Antwort: Indem sie die dazu notwendigen Bedingungen schafft! Doch wie sehen diese Bedingungen aus, wie haben sie auszusehen? Der Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold (unterstützt vom Philosophen Michael Schmidt-Salomon) hat dazu ein wichtiges, ein auch höchst notwendiges Buch vorgelegt, das in der derzeit stattfindenden Debatte zu palliativmedizinischer Sterbebegleitung, zu eventuellem Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen und zu eventueller Beihilfe zur Selbsttötung, Klarheit schafft und besonders den letzten Punkt in all seinen Facetten darstellt. Es bietet umfassend fachliche Erläuterungen und ist gleichzeitig auch ein sehr persönliches Buch des Autors, das, oftmals berührend, zahlreiche Fälle aus seiner Suizidbegleitung, die in Deutschland – im Gegensatz zu Österreich – erlaubt ist, beschreibt. In etwa 300 Fällen hat er schwerstkranken, in Einzelfällen auch sehr alten, sehr lebensmüden Menschen dabei geholfen, ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende in Würde (und meist auch in heiterer Gelassenheit) nachzukommen.

Die Wichtigkeit palliativmedizinischer Versorgung und ein weiterer Ausbau aller dazu notwendigen Einrichtungen steht für den Mediziner Arnold am Anfang aller Forderungen und Überlegungen; wenn jedoch – trotz bester palliativmedizinischer Versorgung – der Wunsch des Patienten nach einem aus seiner Sicht “guten” Ende” übermächtig wird, sollte der Arzt sich diesem nicht verschließen. “Was wir unter menschenwürdiger Existenz verstehen, kann jeder für sich selbst bestimmen, das Recht auf ein würdevolles Leben beinhaltet auch das Recht auf einen würdevollen Tod”. Selbstbestimmung darf nicht enden, wenn es um das Sterben geht und einzig der Betroffene selbst sollte entscheiden können, wie dies vonstatten zu gehen hat; ebenso wenig, wie Suizidbegleitung Palliativmedizin ersetzen kann, kann Palliativmedizin Suizidbegleitung ersetzen.

Nach einer Einleitung vermittelt der Autor in 3 Teilen (“Aus der Praxis eines Sterbehelfers”, “Das selbstbestimmte Sterben und seine Gegner”, “Plädoyer für ein Sterben in Würde”) – neben einer kurzgefassten Kulturgeschichte des Suizids – die wichtigsten Erkenntnisse sowie internationalen Erfahrungen zum Thema Suizidbegleitung, wobei er auch den Gegenargumenten breiten Raum gibt. “Es ist jedem Menschen unbenommen, aus seinem religiösen Weltbild, oder aus gesellschaftlich-, bzw. standesrechtlichen Gründen, eine Pflicht zum Leben abzuleiten, es steht aber keinem Menschen zu, diese Pflicht anderen Menschen aufzuzwingen”!

Ein wichtiges Buch für alle, die zum Thema “selbstbestimmtes Lebensende” mehr wissen und sich – unabhängig von Ideologien und Weltanschauungen – ein eigenes Urteil bilden (und eventuell auch Hilfe erhalten) möchten. Aus der Sicht des Rezensenten ist zusammenfassend festzuhalten, dass Sterbehilfe in Form von Suizidbegleitung ein Akt der Barmherzigkeit ist und – neben Palliativmedizin – auch Lebenshilfe bietet; die Gewissheit, dass es jemanden gibt, der, “wenn die Zeit gekommen ist”, zu helfen bereit ist, vermittelt Gelassenheit und Zuversicht für den Blick in die Zukunft – wo alle Hoffnung schwindet, bleibt Vertrauen!

About Gerfried Pongratz

http://www.pongratz.or.at

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