Religiöse und philosophische Aufrüstung für die beiden Weltkriege

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grabner_haider_hitlerRezension /Anton Grabner-Haider: „Hitlers Theologie des Todes“

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ heißt es in Paul Celans „Todesfuge“, der renommierte Philosoph, Kulturwissenschaftler, Theologe, Autor und Universitätsprofessor Anton Grabner-Haider widmet das vorliegende Buch der Frage, wie es dazu kommen konnte:

Wie wurde das Entsetzliche möglich? Wo liegen die mythischen Wurzeln und Denklinien christlicher Theologie, wo die Aussagen irrationaler Philosophie, die das bis dahin Unvorstellbare begünstigten und in weiterer Folge Realität werden ließen? Wie konnte die überwiegende Mehrheit der NS-Gefolgsleute dazu gebracht werden, einer unendlich grausamen und menschenverachtenden Ideologie und deren Führern bedingungslos – bis zur eigenen Aufopferung – zu folgen?

Das Buch gliedert sich in 7 Abschnitte plus einen Anhang mit persönlichen Erinnerungen des Autors. Im ersten Abschnitt, „Hitlers Theologie des Todes“, wird der mythische und religiöse Hintergrund von Hitlers Denken und Handeln anhand seiner Schriften („Mein Kampf“) und Reden beleuchtet. Seine klaren Anleihen bei einem – so formuliert – „arisch, wehrhaften“ Christentum (bei gleichzeitiger Ablehnung des Kirchenchristentums) sowie seine „Gottgläubigkeit“ mündeten in das Gefühl eigener göttlicher Erwähltheit als „Werkzeug der Vorhersehung“, verbunden mit dem Anspruch auf totale Gefolgschaft, blinden Gehorsam und unerbittlichen Glauben an sein „Auserwähltsein“, seine „Mission“. Hitlers und seiner Paladine Ziel, einen neuen Typ von Weltanschauung zu schaffen, verbunden mit einer Art neuer Gottgläubigkeit für „Herrenmenschen“, diente nicht zuletzt auch dazu, die „Volksgenossen“ auf den großen Krieg vorzubereiten.

Im Abschnitt „Mythen des Krieges“ wird dargestellt, wie die NS-Ideologie – mit Absolutheitsanspruch ähnlich monotheistischen Religionen – auf archaische Mythen und Lehren wie „kosmischer Kampf“, „Kriege folgen göttlichen Gesetzen“, „Krieger töten und Opfer sterben nach göttlichem Plan“ etc., verwies. Kampf und Töten werden metaphysisch und religiös überhöht, der Kampf sei nicht nur politisch gerecht und göttlich gerechtfertigt, sondern auch als “reinigende Kraft“ notwendig, „alles Weichliche und Weibische“ auszulöschen. Tötungsverbote sind aufgehoben, es gilt nur mehr eine höhere Moral im Dienste für Führer, Volk und Vaterland.

Der Abschnitt „Christliche Denklinien“ beschreibt die Religionsgeschichte von den antiken Fruchtbarkeitsgöttinnen zum Kriegsgott Jahwe, vom frühen Christentum bis zur christlichen (römischen) Reichsreligion ab dem Jahr 380 – Parallelen zum Erwähltheitsmodell der NS-Ideologie sind unübersehbar. Sowohl die grausame Verfolgung von Häretikern, Ketzern, Hexen etc., wie auch die Kreuzzüge, wurden theologisch gerechtfertigt und das Töten von „Gottesfeinden“ als gottgefällig erklärt. Frühgeschichtlicher Judenhass (u.a. von Paulus) verstärkt sich in der christlichen Theologie ab dem 9. Jhdt. und dauert – z.B. in Jesuitenpredigten – bis ins späte 19. Jhdt. (politischer Antisemitismus bei Theologen und Bischöfen war auch im 20. Jhdt. noch gang und gäbe). Hitler und andere NS-Ideologen beriefen sich immer wieder auf diese Manifestationen des Hasses und christlichen Apokalypsen des Todes.

In „Philosophische Denklinien des Todes“ wird dargestellt, wie zahlreiche Philosophen versuchten, eine mythisch-religiöse Weltdeutung auf profane Weise fortzuführen. Ausgehend von Plato (totalitärer Staat), über Machiavelli (Willkür des Fürsten), Thomas Hobbes (Faszination der Macht), F.W. Schelling (dunkler Urgrund der Welt), Schopenhauer (blinder Urwille), besonders stark bei Nietzsche (blonder Übermensch), wird Wille zur Macht, zur Herrschaft, z.T. auch zum Töten, in philosophischen Abhandlungen gerechtfertigt. Max Scheler sprach 1914 vom edlen Krieg und dass Handlungen der Soldaten keiner sittlichen Norm unterworfen seien, wie auch, dass Krieg große Führer und Ideen benötige, denen unbedingt Gehorsam zu leisten sei. Theologen, Feldprediger und Offiziere im 1. Weltkrieg verbreiteten diese Auffassungen, Soldaten internalisierten sie und brachten sie nach dem Krieg mit nach Hause – als ideale Grundlage für die spätere NS-Ideologie. Während der NS-Zeit waren es vor allem Martin Heidegger, Ernst Jünger und Alfred Rosenberg, die die Ideologie eines permanenten, notwendigen (auch metaphysischen) Kampfes zwischen Leben und Tod verbreiteten, besonders Heideggers Existenzphilosophie führte zu einer „Metaphysik des Todes“.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass von deutschen Philosophen bereits lange vor der NS-Zeit ein Nährboden bereitet worden war, der dazu führte, dass eine überwiegende Mehrheit der „Volksgenossen“, wie auch viele deutsche Philosophen in der NS-Zeit, den fanatischen Kampf der NS-Ideologen gegen das Gedankengut der europäischen Aufklärung unterstützten und sich vom kritischen und rationalen Denken abwandten.

Im Abschnitt „Die intellektuelle Aufrüstung“ beleuchtet Grabner-Haider die geistige und moralische Motivation für den 1. Weltkrieg sowie das religiöse Denken dieser Zeit, das im Kampf gegen Liberalismus, Demokratie und den „Verfall der Sitten“ für ein „entschiedenes“ Christentum im Namen Gottes gegen „westliche Dekadenz“ eintrat. In mehreren Unterkapiteln werden theologische und philosophische Denkimpulse, die später zur Rechtfertigung der NS-Ideologie dienten, dargestellt; sie führten zu einem deutschen „Sonderweg“ mit Kampf gegen Humanismus, in der Abkehr von den Lehren der Aufklärung und einer Hinwendung des Deutschen Idealismus zu theologischen Denkmodellen – unter Betonung von Mystik und der „dunklen Seite der deutschen Seele“. Protestantische und katholische Theologen sowie national denkende Philosophen brachten bereits lange vor dem 1. Weltkrieg eine von Aurelius Augustinus, Thomas von Aquin, Martin Luther und Johannes Calvin vorformulierte „Theologie des Todes“ unters Volk, Hitler und seine NS-Ideologen übernahmen sehr viele dieser Denkmodelle und führten sie zu schrecklicher Entfaltung und Übersteigerung.

Der Abschnitt „Maschinerie des Tötens“ beschreibt in mehreren Kapiteln die schrecklichen Menschenvernichtungsorgien der NS-Zeit mit ihren aberwitzigen Begründungs- und Rechtfertigungsversuchen: Euthanasie („gnädiger Tod“), Rassenwahn, Juden-, Sinti- und Romaverfolgung, Raubkrieg, Vernichtungslager, Massentötungen, Holocaust, irrationale Formen der Selbstzerstörung und die Politik der verbrannten Erde als Ausflüsse pervertierten ideologischen Denkens und Handelns.

Die letzten Kapitel des Buches behandeln die Lehren, die aus dieser unheilvollen Zeit zu ziehen sind; dabei auch, wie wichtig Erinnerung an all die namenlosen Opfer, wie notwendig Betroffenheit, Respekt und Trauerarbeit sind, um mittels interkulturellem Lernen zu einer höchst notwendigen „Theologie des Lebens“ zu gelangen. Eigene Unterkapitel werden auch der (im Katholizismus sehr spät erfolgten) Anerkennung von Schuld, der Verteidigung der Menschenrechte und dem Dialog der Religionen gewidmet. Berührende persönliche Erinnerungen des Autors (geb. 1940), der am elterlichen Bauernhof in der Oststeiermark bereits als kleiner Bub einiges vom Schrecken des Krieges und von den Ereignissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit mitbekommen hat, beschließen die Ausführungen.

Ein höchst empfehlenswertes Buch für alle, die über die beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts mehr wissen und vor allem deren Wurzeln und Denklinien sowie geistige Hinter-, bzw. Abgründe verstehen möchten! „Wenn du verstehst, dann ist dieses Verstehen bereits Handeln“ (Jiddu Krishnamurti).

Gerfried Pongratz

Anton Grabner-Haider
Hitlers Theologie des Todes
topos Taschenbücher, Band 682

About Gerfried Pongratz

http://www.pongratz.or.at

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