Kuschelgebilde

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Häufig wird man als unangenehmer, zweifelnder Zeitgenosse mit denselben Aussagen konfrontiert. Allesamt stimmen sie darin überein, dass niemand das Recht hat, die Lebens- und Denkweise von anderen in Frage zu stellen, oder sie mit widersprüchlichen Ansätzen zu konfrontieren. Zudem wird es in Zeiten der “Political Correctness” zunehmend schwerer, die Dinge beim Namen zu nennen. Von Markus Arch

Der Trend zur Korrektheit ist das Unkorrekteste, an dem im Moment festgehalten wird. Im Namen der Toleranz und des Versuchs, ja nirgends anzuecken (Beschneidungsdebatte…), werden die Menschen dadurch letztendlich mundtot gemacht. Ich spreche hier nicht von rechts- oder linksradikalen Wahnvorstellungen, die eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen könnten, sondern über den normalen Umgang miteinander, der in der Politik, aber zunehmend auch im Alltag, angewandt wird.

Zunächst aber sollen hier zwei Aussagen genauer angeschaut werden, die wohl jeder kennt – und die als Maulkorb, als Zeichen des guten Willens und des Respekts vor anderen Meinungen gelten, letztlich aber leere Worthülsen sind.

1. Lass ihn doch, wenn er glücklich ist

Gerade wenn es um religiöse oder anderweitig dem individuellen Glauben zurechenbare Themen geht (bspw. Esoterik, Horoskope, Homöopathie udgl.), ist dies Phrase häufig anzutreffen. Damit wird impliziert, dass die Person, über die gesprochen wird, schließlich zufrieden mit ihren Vorstellungen ist – und es wäre gemein, diese Vorstellungen direkt zu kritisieren.

Selbstverständlich ist es nicht schön, lieb gewonnene Ideen und/oder Ideale eines Menschen zu hinterfragen, zu kritisieren und diese manchmal auch vollends zu verwerfen. Aber nur weil es nicht schön ist, besteht noch lange kein Grund, es nicht zu tun.

Jedes Individuum lernt im Endeffekt durch Irrtum. Nun ist der Mensch aber so gestrickt, dass er Irrtümer gelegentlich für Wahrheiten hält und diese, notfalls auch mit niveaulosen Methoden, verteidigt. Ein Beispiel wäre der Glaube an Horoskope. Selbsterfüllende Prophezeiungen nach Watzlawick, gemischt mit ein paar Zufallstreffern, sind noch lange kein ernsthafter Beleg dafür, dass alle Krebse sensibel sind.

Wenn die Idee, dass Sternenbilder und -konstellationen den Charakter maßgeblich beeinflussen, jemandem gefallen, so soll er damit selig werden – falsch. In einer Zeit, in der so ziemlich alle traurigen und katastrophalen Geschehnisse dieser Welt aus einer gewaltigen Unvernunft heraus entstehen, ist es falsch, Unvernunft nicht als solche zu entlarven. Natürlich sind Glaubensgebilde jeglicher Art und Weise (religiös, spirituell, politisch usw.) höchst unterschiedlich und führen – zumindest in Österreich – sehr selten zu menschlichen Tragödien. Zu was sie führen sind Kuschelgebilde, in welche einzelne Menschen sich einlullen können.

Das Problem ist nun, dass diese Gebilde zu subjektiver Wahrheiten deklariert werden. So ist die rechtliche Gleichstellung Homosexueller dann plötzlich falsch – warum, dazu braucht es keine Argumente. Wir haben ja Tradition. Ein anderes Beispiel ist die Homöopathie-Branche, die zwar nicht wirkt, aber das macht ja nichts, sie kann ja zumindest nicht schaden. Und das Horoskop von gestern hat auch Recht, ich muss auf mein Geld aufpassen und habe jemanden Interessanten kennen gelernt.

Jemanden damit glücklich werden zu lassen, verstößt leider gegen das, was uns aus den Zeiten der klerikalen Hegemonie befreit hat: die Aufklärung. Auch wenn es heute nicht mehr darum geht, ob der Papst unfehlbar ist oder nicht, und die individuellen Meinungen, öffentlich ausgesprochen, nicht zu Sanktionen führen müssen, so wäre es falsch, jemandem den bisherigen Erkenntnisstand zu einzelnen Phänomenen vorzuenthalten. Wer sich für seine Mitmenschen interessiert, sollte diesen helfen, sich weiter zu entwickeln. Status Quo bedeutet langfristig gesehen nur, dass die Erkenntnis wächst, die Welt sich verändert – einzelne Personen dies aber lieber ausblenden.

Und es gibt genau einen Grund, an die Aufklärung zu “glauben”: Sie ist die einzige bisher bekannte Orientierungshilfe für den Menschen, die nicht – radikalisiert – zur Herabwürdigung anderer Menschen führt.

2. Du hast mir gar nichts zu sagen

Das stimmt – auf den ersten Blick zumindest. Wenn man etwas zu sagen hat, das zu dem gerade besprochenen Thema beiträgt und konträr zur Meinung anderer, am Gespräch beteiligen Personen steht, warum sollte man sich zurückhalten?

Die Phrase “Du hast mir gar nichts zu sagen” bedeutet häufig: sag’ mir nichts, dass mich dazu bewegen könnte, mich selbst zu überdenken, denn das will ich nicht. Aus Faulheit, spontaner Bequemheit oder anderen Gründen.

So etwas sollte man nicht zwingend zulassen. Zumindest nicht, wenn der individuelle Erkenntnisstand zum Thema augenscheinlich weiter reicht. Entweder durch intensivere Beschäftigung mit einem Thema, zufällig gelesenen/gehörten/gesehenen Reportagen und Artikel, völlig egal. Sobald etwas geäußert wird, das nicht mehr zeitgemäß ist oder dem eigenen Wissen (Wissen, nicht Glauben!) gegenübergestellt hinterherhinkt, so soll es auch gesagt werden.

Der Grund ist ähnlich wie bei der vorigen Aussage: Ohne Aufklärung keine Entwicklung, und ohne Entwicklung Rückfall in Zeiten, denen wir zum Glück entronnen sind. Klarerweise verhält es sich auch hier nicht immer so extrem wie gerade gesagt, jedoch würden vermutlich viele Menschen staunen, wenn sie wüssten, was im Namen ihrer “harmlosen Spielereien” wie Horoskopen und Alternativmedizin so alles getan wird. Auch jemanden zu seinem eigenen Schutz über Scharlatane und Quacksalber zu informieren, gehört zum manchmal unangenehmen Leben eines Skeptikers.

3. Political Correctness

Aus oben genannten Überlegungen ist vorauseilender Respekt, sowie Toleranz und “den Mund halten”, ein großer Feind der humanistischen Idee. Dieser zufolge geht es einfach darum, dass die Menschheit daran arbeiten soll, sich eine bessere – sprich: friedlichere, wärmere, schönere – Welt aufzubauen. Dem steht die Unvernunft in sämtlichen Bereichen im Weg. Und wo Unvernunft zu groß wird, da passieren dann die Tragödien, welche abends in der ZiB oder morgens in der Zeitung zu sehen sind.

Da werden Missbrauchsfälle kategorisch vertuscht, Ungläubige mit dem Tode bedroht, oder politische Feinde verbal und auf niveaulose Weise angegriffen – einfach deshalb, weil sie anders denken und die eigenen Leitbilder und Aktionen anzweifeln. Kärnten ist dafür ja ein trauriges Musterbeispiel.

Political Correctness hat auch viel mit Respekt zu tun, nur ist Respekt eben nicht immer angebracht. Vor dem Menschen ja, aber nicht vor jeder menschlichen Idee. Und so wird sich über Störenfriede echauffiert, die eigentlich nichts anderes machen, als die eigenen, lieb gewonnenen Ideen zu kritisieren und anzuzweifeln – und der Kreis schließt sich wieder bis hin zu Punkt eins dieses Beitrags.

Letztendlich geht es einfach um die besseren Argumente. Diese sollten nachvollziehbar, im Diessein begründet und, im politischem Rahmen gesehen, gesellschaftlich nützlich sein. Zweifel am Zweifel ist da auch manchmal angebracht, weil sonst alles beliebig wird. Ein Dawkins sollte nicht seine Standpunkte weiter anzweifeln, nur weil Kreationisten ihm dies nahe legen. Warum? Ganz einfach, weil er die besseren Argumente auf seiner Seite hat. Dies ist keine Meinung, da sie für alle offen ersichtlich ist und völlig objektiv nachvollziehbar ist.

4. Nicht nur bloße Kritik, sondern auch Selbstkritik

Zweifler, Atheisten, Skeptiker – wie auch immer diese Personen genannt werden, eines wird leider häufig übersehen: diese Personen kritisieren nicht nur, sondern gehen auch ganz gut mit Kritik um. Wenn eine Idee oder Ansicht sich als nutzlos oder einfach unsinnig herausstellt, so wird dies akzeptiert. Eine Neuorientierung ist de Fall. Letzten Endes ist der Wille zur Selbstreflexion leider genau das, was so manchem Österreich zu fehlen scheint. (Selbstverständlich gibt es auch innerhalb dieser “Szene” aus Skeptikern Personen, auf die genau jene Attribute zutreffen, welche sie den von ihnen Kritisierten unterstellen. Ich wage aber zu behaupten, dass deren Anteil, im Vergleich zu anderen Gruppen, wesentlich kleiner ist)

Auch ich selbst könnte, wie ich hier zugebe, dem Irrtum zum Opfer fallen, dass ich meine, die alleinige Wahrheit über etwas zu wissen und im Rahmen dieser Wahrheit andere zu degradieren – und keine Kritik daran gelten lasse oder diese einfach schulterzuckend ignoriere. Wenn dies der Fall sein sollte, bitte ich um Argumente hierfür – und zwar, so arrogant bin ich, um ernstzunehmende Argumente, die nicht längst widerlegt sind. (Atheismus führte zum Stalinismus udgl.)

Ich vermute, was den unangenehmen Zweifler von den Liebhabern der metaphysischen, politisch-religiösen Kuschelgebilde unterscheidet, ist letztendlich, dass erstere ausdrücklich kritisiert werden wollen. Oder, um realistisch zu bleiben: Sie sollten es zumindest.

Eine Antwort zu Kuschelgebilde

  1. Harald Holm says:

    Endlich wieder ein kleiner Schritt vorwärts im Kampf gegen die Auf-
    Klärungsverhinderer.
    Lg. H.H.

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