Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Schamanen oder Homöopathen

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Esoterik, Homöopathie, Astrologie und Co: Der katholischen Kirche in Österreich gehen langsam, aber ziemlich sicher die Gläubigen aus. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass metaphysische, irrationale Vorstellungen, gesellschaftlich betrachtet, von der Bildfläche verschwinden. Von Markus Arch

Vermutlich werden zwischen 2030 und 2040 nur noch die Hälfte aller ÖsterreicherInnen der röm.-kath. Kirche angehören, im Moment sind es rund 63%. Damit scheint sich der Trend fortzusetzen: 1991 waren es 78,5%. Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Österreichs größte und einflussreichste Glaubensgemeinschaft also auch in Zukunft an Boden verlieren wird, bedeutet aber nicht, dass metaphysische sowie irrationales Gedankengut aus den Köpfen der Leute verschwindet. Ganz im Gegenteil.

“Heilende Informationen” in Wasser

In der Alpenrepublik hat es sich noch nicht herumgesprochen, dass nicht alles, wo Medizin draufsteht, auch Medizin ist. Ich spreche hier von Homöopathie, deren Wirksamkeit zwar angepriesen wird wie der Heiland in der Kirche, deren Wirksamkeit aber entweder widerlegt ist oder nie bewiesen werden konnte. Im Moment lukriert diese “komplementärmedizinische Heilmethode” weltweit etwa zwei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, die Hälfte davon entfällt auf den europäischen Markt.

Das Geschäft mit der bereits 1796 von Samuel Hahnemann erdachten Methode macht somit zwar nur rund ein Prozent des Gesamtjahresumsatzes der Medizin aus, scheint aber dennoch relativ gewinnbringend zu sein. Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Mischung aus schwer verständlichem, medizinisch klingendem Vokabular, Wasser, Zucker, wildem Schütteln und Wunschdenken. Die einzige Wirkung, die diese “Heilmethode” jemals nachweislich erzielen konnte, ist der Placebo-Effekt. Keine schlechte Sache, dennoch bestimmt keine Medizin – und, streng genommen, Betrug am Patienten. Das nicht viel dran sein kann, zeigt sich schon daran, dass es ungefähr vier Minuten braucht, um Homöopathie und ihre “Wirkungsweise” vollständig erklären zu können:

Dennoch setzen, Meldungen aus dem vorigen Frühjahr zufolge, etwa die Hälfte aller ÖsterreicherInnen auf diese “Heilmethode”, wobei vor allem der Anteil an Frauen sehr hoch ist. Als größter Vorteil gegenüber den schulmedizinischen Präparaten wurde angegeben, dass homöopathische Mittel weniger Nebenwirkungen haben. Damit stimme ich sogar überein: Etwas, dass nicht wirkt, kann auch nicht daneben wirken.

Dennoch bietet die Österreichische Ärztekammer Weiterbildungen in Homöopathie und ähnlichem Unfug an.

Die Sterne sagen mir: Nichts.

Des Weiteren ist die Astrologie nach wie vor sehr beliebt. Diese will uns weismachen, dass aus den Positionen von Himmelskörpern unsere Schicksale und Charaktereigenschaften herausgelesen werden können – oder anders ausgedrückt: wer unter “einem schlechten Stern” steht, hat Pech gehabt. Das Verbreitungsmittel dieser Idee kennt jeder: das Horoskop.

Der verstorbene Psychologe und Statistiker Michel Gauquelin hat versucht, diese Ideen zu belegen. Aus diesem Grund wertete er mehr als 500.000 Geburtsdaten aus – das Ergebnis: bei den meisten lässt sich absolut kein Zusammenhang zwischen den vorausgesagten Elementen und der Realität feststellen.

Im Grunde ist die Idee, dass die Sterne zum Zeitpunkt meiner Geburt sowie an jedem Tag im Jahr auf mich eine bestimmte Wirkung ausüben, doch sehr lächerlich. Wenn wir die Sterne sehen, können wir uns oft nicht mal sicher sein, dass sie heute überhaupt noch existieren. Lichtgeschwindigkeit ist schnell, aber das Universum ist auch sehr, sehr groß.

Trotzdem hält etwa die Hälfte der ÖsterreicherInnen diese Ideen für wahr. Zum unbeirrbaren Glauben an die Astrologie fällt mir eine bekannte Geschichte ein:

Ein Mann klatscht andauernd in die Hände, ein anderer Mann sieht ihn eine Zeit lang verwundert an und fragt dann: “Warum klatschen Sie in die Hände?”. Der andere antwortet:”Um die Elefanten zu verscheuchen!”. Als der zweite Mann dann sagt, hier gibt es überhaupt keine Elefanten, antwortet ihm der erste Mann:”Sehen Sie! Es funktioniert!”

Wenn ich von einer Verwirrung des Ursache- Wirkungs- Prinzips blind überzeugt bin, kann ich auch leicht übersehen, dass die Ursache (in diesem Fall das Horoskop) keinerlei Wirkung hat, bevor ich dieser Ursache eine persönliche Bedeutung verleihe. An dieser Stelle ein kurzer Ausflug in die Theorie der sozialen Interaktion:

Diese besagt, dass erst Menschen Dingen ihre Bedeutung verleihen, ihnen somit einen Sinn geben. Ein Computer hat von sich aus für den Heimbenutzer also erst einen Sinn, wenn er ihn dazu verwendet, um damit irgendetwas zu machen. Von sich aus (also von vornherein, “aus sich selbst heraus”) ABER hat er keinen Sinn, genau so wenig wie ein Sessel, ein Bleistift, ein Gemeindeamt etc. Sinn entsteht erst in Interaktion mit Gegenständen, Menschen oder anderen Tieren.

Genau dasselbe passiert beim Horoskop. Wenn ich dem geschriebenen oder gehörten Horoskop “glaube”, verleihe ich ihm einen Sinn und mache es somit selbst “wahr”. Es ist von sich aus, wie gesagt, nichts als ein paar allgemeine Sätze und Ratschläge. Erst durch deren Berücksichtigung oder durch das Wissen über diese erkenne ich ihre “Wahrheit”.

Gestatten, der freundliche Schamane von nebenan

Seit vorigem Jahr gibt es die Möglichkeit, sich in Oberösterreich an der Internationalen Schamanismus Akademie ausbilden zu lassen – bei Abschluss ist man staatlich anerkannter (!) Lebensberater. „Unbemerkt hat sich die Republik Österreich von dem ihrer Demokratie zugrunde liegenden wissenschaftlich-rationalen, in der Aufklärung wurzelnden Weltbild teilweise verabschiedet“, heißt es dazu im ESO-Jahresbericht 2012. Der Bericht wird von “Logo Eso.Info” herausgegeben, einer vom Sektenexperten Roman Schweidlenka geleiteten Jugendberatungsstelle für weltanschauliche Fragen.

Es handelt sich dabei zwar nicht direkt um Schamanen mit dem Segen des Staates Österreich, wie Andreas Herz von der WKO betont, es ist aber nach wie vor seltsam, aus einer Schamanen-Schule als Lebensberater hervorgehen zu können. Auf der Homepage der Akademie steht unter anderem zu lesen:

“Schamanismus ist die älteste Weisheitslehre, das oftmals nur geheim überlieferte Wissen vieler Völker und beruht auf der Annahme, dass eine immaterielle „Anderswelt“ existiert. Schamanen können in diese Anderswelt reisen. Hier trifft der Schamane seine Spirits – geistige Wesenheiten, die ihn bei der Heilung unterstützen.

Die Vorteile der schamanischen Praktiken in unserem westlichen Lebensalltag sind vielfältig. Menschen, die Schamanismus praktizieren, integrieren die „Anderswelt“ ins reale Leben. Durch ihr volles Vertrauen auf die innere Führung und Beachtung der Hinweise, die sie von den geistigen Wesenheiten bekommen, können sie auch zu weisen Begleitern ihrer Mitmenschen werden.”

Klare Sache also. Ob diese Anderswelt insofern anders ist, als dass dort Homöopathie tatsächlich wirkt und Horoskope ernst zunehmend sind, konnte ich leider nicht herausfinden.

Eine Antwort zu Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Schamanen oder Homöopathen

  1. Gerfried Pongratz says:

    Super dargestellt und hervorragend auf den Punkt gebracht – Merci!
    Für den 23. 4. wurde ich eingeladen, an der VHS Simmering einen Vortrag zu halten, der auch das Thema Esoterik beinhaltet; vielleicht mag der/die eine oder andere gbs-ler/in hinkommen (und mich bei den zu erwartenden heftigen Diskussionen unterstützen):

     Religion und Esoterik als natürliches Phänomen
    Religiöse Überzeugungen und esoterische Ansichten nähren sich
    aus den gleichen evolutionären Wurzeln. Sie sind, wie jedes andere
    menschliche oder nichtmenschliche Phänomen, den Naturgesetzen unterworfen und damit wissenschaftlich erforschbar. Ihre genetische Verankerung bietet einen Selektionsvorteil, der in einen „Placeboeffekt des
    Glaubens“ mündet.
    VHS Simmering, Di., 23. April 2013, 18.30-20.00 Uhr
    Kursleiter Dipl.-Ing. Dr. Gerfried PONGRATZ
    Gesellschaft für kritisches Denken

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