Eine alte und neue Volkskrankheit

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religioese_gefuehle_tillyMan kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit der Zunahme religionskritischer Stimmen und/oder Karikaturen eine neue Krankheit um sich greift. Die Symptome sind: Leichte Reizbarkeit, überzogene Forderungen und Ansprüche sowie das reflexartige Einnehmen der Opfer-Rolle. Ich spreche von einem Trend, der bereits längst in Mitteleuropa angekommen ist: Das Beleidigtsein-Syndrom, auch bekannt als reflexive Respekt-Forderungs-Manie. Von Markus Arch

Respect

(Bildquelle)

Ein gutes Beispiel hierfür ist ein aktueller Kommentar von Johannes Graf beim katholischen Nachrichtendienst. In diesem bezieht er sich auf eine Karikatur des Standards, in dem Josef, der Ziehvater Jesu, bei dessen Geburt auf ein I-Phone beharrt:

“Die Karikatur ist jedenfalls eine Verhöhnung der Heiligen Familie, des  Weihnachtsfestes und der Heiligen Drei Könige, die viele Christen  schmerzt. Dem Karikaturisten des ‘Standard’ ist eine Beziehung zwischen  einem gläubigen Christen und Gott wahrscheinlich völlig fremd. Er kann  die Liebe, die Achtung, die Ehrfurcht vor Gott, der ein personales  Gegenüber ist, wohl nicht nachvollziehen. Sonst würde er eine solche  Zeichnung, die gläubige Christen zumindest kränkt, hoffentlich nicht  veröffentlichen.”

Leider konnte ich die Karikatur im Internet nicht ausfindig machen (Wer sie kennt oder findet, soll bitte einen Kommentar hinterlassen). Jedenfalls kritisiert Graf die rassistische Darstellung des Dunkelhäutigen unter den Heiligen Drei Königen – ein Punkt, über den sich sicher diskutieren lässt. Zudem aber beharrt er darauf, dass ohnehin nichts Antichristliches veröffentlicht werden dürfe, da dies ja die Gefühle der Gläubigen verletzen könnte.

Ein weiteres Beispiel hierfür, dass zwar etwas älter ist aber sinnbildlicher nicht sein könnte, ist die Forderung von Kardinal Schönborn, wonach Homosexuelle den Lehren der kath. Kirche gefälligst etwas mehr Respekt zeigen sollten:

“Man muss ihnen helfen, einzusehen, dass dies nicht der Plan Gottes ist. Wenn sie unfähig sind, den Lehren der Kirche zu folgen, sollen sie das mit Demut einsehen, Gott um Hilfe bitten, beichten und versuchen, nicht mehr zu sündigen.”

Im Folgenden soll die Logik dieser um sich greifenden Krankheit genauer erläutert werden. Wenn Sie diese Punkte beachten, können Sie einen Erkrankten sofort erkennen und ihm gegebenfalls bei der Genesung helfen.

Symptom 1: Trotz

Am schnellsten und einfachsten lässt sich ein Erkrankter dadurch erkennen, dass er auf Parodien, Karikaturen und auch ernstere Formen der Kritik an seiner Weltanschauung mit Trotz und dem typischen Beleidigt-Sein reagiert. Es handelt sich um ein Phänomen, dass auch bei Kleinkindern in einem bestimmten Lebensalter auftritt: Wenn etwas nicht gefällt, wird sofort losgeheult:

Dontbefooledfunnyjunk

(Bildquelle)

Die Erkrankten meinen es nicht böse und sind auch nicht auf irgendeine Art und Weise verhaltensgestört oder dümmlich, sie denken einfach dass dies ein guter Weg ist, ihren Meinungen ein besonderes Anrecht zu verleihen. Dieses Paradox ist übrigens nicht nur unter religiösen Personen weit verbreitet, wenngleich jene im Moment besonders betroffen zu sein scheinen.

Symptom 2: Übermäßiger Bedarf an Respekt

Die Trotz-Phase geht meist Hand in Hand mit der Forderung nach mehr Respekt. Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass die Verfasser/Zeichner von Texten, Bildern oder Videos, die dem Erkrankten sauer aufstossen, subjektiv wahrgenommen, nicht genügend Feingefühl für dessen Bedürfnisse und Ansichten haben. Dies manifestiert sich in der Forderung nach Respekt, zumeist in mündlicher oder schriftlicher Form zum Ausdruck gebracht.

(Bildquelle)

Was diesen besonderen Bedarf an Respekt von anderen Formen der Respekteinforderung unterscheidet ist die Weigerung, handfeste Gründe für die Forderung anzugeben sowie das Fehlen jener kognitiver Fähigkeiten, die zu einer intensiven Selbstreflexion notwendig sind. Mit anderen Worten: Der Erkrankte wähnt sich im Besitz der einzigen Wahrheit und kommt gar nicht auf die Idee, dass er eventuell Unrecht haben könnte mit seinen Ideen.

Symptom 3: Das Radikalismus-Paradox

Anders als bei – zu Recht – kritisierten Kritiken, die schlecht gemacht, extrem polemisch oder schlichtweg falsch sind, sieht der Erkrankte jedwede Äußerung wider seiner Standpunkten bereits als radikal an. Um es metaphorisch auszudrücken: Er ist weltanschaulich farbenblind, für ihn gibt es nur schwarz und weiß – aber keine Schattierungen und Grautöne.

Dies führt dazu, dass der Teil des Gehrins, der für Humor zuständig ist, verkümmert. In weiterer Folge geht den Personen jedwedes Gefühl für (Selbst-)Ironie abhanden, sie können einfach nicht mehr über sich selbst lachen. Aus genau diesem Grund sehen sie jeden, der ihre Ansichten nicht teilt und dies öffentlich kundtut, als radikal an. Ob untergriffige Polemik (“Die Jungfrau Maria war eine Schlampe”) oder spitzfindige, gut begründete Kritik (“Die Bibel ist bewissenermaßen ein von Menschen geschriebenes und im Laufe der Zeit immer wieder überarbeitetes Buch”) – für erkrankte Menschen ist dies alles dasselbe.

So werden sie nicht müde, alle Andersdenkenden in einen Topf zu werfen und diesen mit dem Ettikett “radikaler Religionsfeind” oder “Christenhasser” zu kennzeichnen.

Symptom 4: Subjektives Opfer-Gebaren

Als Resultat der obigen drei Symptome flüchten sich die Erkrankten gerne in die Opfer-Rolle. Es ist eine Art Stockholm-Syndrom mit negativen statt positiven Emotionen gegenüber den Tätern. Nur, dass es diese Täter noch nicht mal geben muss.

In der Opfer-Rolle sehen sich die Erkrankten stets als verfolgt, unterdrückt, oder (siehe Symptom 2) zu wenig respektiert an. Sie sind in ihrer subjektiven Sicht immer diejenigen, denen Böses getan wurde. Zudem entwickelt sich mit fortschreitendem Stadium der Erkrankung die Fähigkeit, Böses wider der eigenen Person wahrzunehmen, immer weiter aus. In Extremfällen reicht schon ein einziges, salopp dahergesagtes Kommentar, und der Opfer-Reflex setzt sofort ein.

Symptom 5: Egozentrische Blindheit

Die oben erwähnten Punkte haben vieles mit subjektiv wahrgenommer Herabwürdigung der eigenen Lehren und Ideen zu tun. Wirklich akut wird die Krankheit aber erst dann, wenn sie das fünfte Stadium erreicht hat: Eigene Verfehlungen, beziehungsweise Verfehlungen und Anomalien der jeweiligen Glaubensgemeinschaft, werden übersehen.

Dies ist ebenfalls nicht böse gemeint, die Krankheit selbst macht den Erkrankten blind für diejenigen Punkte an seiner Weltanschauung, die erst die Kritik seitens der “Religionshasser” hervorrufen. Dies führt zwangsläufig in einen Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.

Die Diskriminierung von Homosexuellen, Frauen, Nicht- oder Andersgläubigen sowie nicht objektiv nachvollziehbare oder vernünftig begründbare Verbote und Gebote (Kondomverbot, Kindestaufe, Beschneidung usw.), welche in vielen Glaubenssystemen inbegriffen sind, werden nicht als das gesehen, was sie – objektiv und logisch betrachet – sind: diskriminierend, beleidigend, bevormundend.

Ist dieses Stadium erreicht, so steigert sich die Krankheit zu einer handfesten Manie:

Endstadium: religöser Größenwahn aka Wahrheits-Manie

Der Erkrankte hat die alleinige Wahrheit für sich gepachtet, alle anderen sind entweder zu respektlos, haben keine Ahnung wovon sie reden oder sind schlicht und einfach böswillig. Die eigene Anschauung muss verbreitet werden, die Verbreiter anderer Anschauungen haben kein Recht dazu.

Middlereligioese_gefuehle_tilly

(Bildquelle)

Gründe oder gar Fakten für die Richtigkeit des eigenen Standpunktes braucht es nicht. Gründe und Fakten anderer Ansichten werden entweder ignoriert, oder es wird nach dem bereits im Hirn eingebrannten Muster vorgegangen: böse, respektlos, ahnungslos.

Das Heilungs-Paradox: Mehr davon!

Den Erkrankten kann kaum mehr geholfen werden, da sie den Unterschied zwischen berechtiger und nachvollziehbarer Kritik, billiger Polemik oder die Merkwürdigkeiten des eigenen Glaubens (Jungfrauengeburt, Höllendrohungen des “lieben Jesus” udgl.) nicht mehr sehen können. Das einzige Heilmittel, dass es gibt, lautet paradoxerweise: Hört nicht auf, respektlos zu sein!

Die Idee dahinter ist simpel: Je mehr Karikaturen und Parodien auf einen im Endeffekt nicht begründbaren oder sinnvollen Glauben es gibt, umso weniger können sich die Erkrankten in die Opferrolle flüchten. Verstärkt werden kann dieses Abschneiden des Fluchtweges vor allem durch die Zur-Schau-Stellung unmoralischer, unethischer und am Rande der Legalität und der Menschenrechte entlanglaufenden Vorstellungen und Machenschaften der jeweiligen Religion. Davon gibt es bei der kath. Kirche, auch in Österreich, mehr als genug, man muss sie nur auch sehen wollen.

9 Antworten zu Eine alte und neue Volkskrankheit

  1. Hallo,
    ich hätte mal zwei spontane Verständnisfragen:

    1) Zur Textpassage: “Das einzige Heilmittel, dass es gibt, lautet paradoxerweise: Hört nicht auf, respektlos zu sein!
    Die Idee dahinter ist simpel: Je mehr Karikaturen und Parodien auf einen im Endeffekt nicht begründbaren oder sinnvollen Glauben es gibt, umso weniger können sich die Erkrankten in die Opferrolle flüchten.”

    Inwiefern (bzw. auf welche Weise, über welche/-n Weg/-e, in welchem Ausmaß,…) können Karikaturen und Parodien bewirken, dass sich (psychisch erkrankte?) Menschen weniger in eine Opferrolle flüchten (können)?

    2) Zur Textpassage: “Wenn Sie diese Punkte beachten, können Sie einen Erkrankten sofort erkennen und ihm gegebenfalls bei der Genese helfen.”

    Ist hier mit “Genese” das gemeint, was manche auch “Genesung” nennen?

  2. Holm Hümmler says:

    Hier ist die im Artikel erwähnte und gesuchte Karikatur abgebildet, und die Zielrichtung ist eindeutig nicht antichristlich, sondern kritisiert den weihnachtlichen Konsumrausch. Die Beleidigten haben sie also offensichtlich noch nicht mal verstanden.
    http://atheisten-info.at/infos/info1232.html

  3. VinceVega says:

    die Karikatur
    http://blasphemieblog2.wordpress.com/2013/01/04/antichristliche-karikatur-zu-weihnachten/

    die Zeichnung will nach dem Verständnis der meisten in erster Linie etwas anderes als den Glauben verunglimpfen…

  4. M.J. Arch says:

    Wenn man etwas finden will, dann findet man auch was- genau das wollte ich mit diesem nicht ganz ernst gemeinten Artikel auch aussagen.
    Im Eifer des Gefechts, bzw. des Schreibens, ist mir wohl ein Fehler unterlaufen- natürlich habe ich Genesung gemeint.

    • Ja vielen Dank für die Antwort auf die zweite Frage! Ich bin schon auf die Antwort auf die erste Frage gespannt, bei der eine ziemlich perfekte Gelegenheit besteht, dem u.a. ethischen Anspruch der gbs auch im Hinblick auf den Umgang mit Erklärungsmodellen und mit (psychisch erkrankten?) Menschen gerecht zu werden. Alles Gute!

      • M.J. Arch says:

        Das kommt darauf an, wie psychische Erkrankungen definiert werden. Bei diesem Artikel dürfte es klar sein, dass es sich um Satire handelt und damit niemand – ernsthaft – als psychisch krank abgestempelt wurde. Im Falle einer tatsächlichen Erkrankung würde ich mich zumindest nicht drüber lustig machen.

        Bei Störungen psychischer Natur, bedingt durch physische Einflüsse (z.B. Kopfverletzungen), soziale Einflüsse (z.B. Mobbing, Indoktrinierung samt wilden Strafandrohungen) oder auch von Geburt an bestehenden Formen ist “sich-lustig-machen” sicher keine Hilfestellung. Sehr gut funktionieren, vor allem bei Depressionen und Manien, m.W. nach multidimensionale Therapieformen.

        Mehr Satire und Parodien sind deswegen der einzige Weg, da die Ansicht, über bestimmte Weltanschauungen und damit verbundene Gefühle dürfe man sich nicht lustig machen, im Gegensatz zur eigentlich zu gewährleistenden Meinungs- und Redefreiheit steht. Diese gilt natürlich für alle, auch für Personen, die religiöse oder sonstwie zu bezeichnende Ansichten vertreten, die ich selbst nicht teile.
        Der Unterschied ist nur: Wenn diese Einstellung de facto als alleinige Wahrheit bezeichnet wird und auf dieser Grundlage gesellschaftlicher Einfluß (Bildungssystem, Blasphemieparagraph, etc.) gefestigt oder ausgeweitet werden soll, so müssen dafür auch Argumente her, welche nicht nur rein nach der Logik einer letztlich weder zu verifizierenden, noch falsifizierenden Ansicht oder subjektiven Überzeugung funktionieren. Diese sind im Kontext einer halbwegs fairen und, soweit menschenmöglich, objektiven gesellschaftlichen Interessensabwägung nicht gerade stichhaltig.

        Über den Umgang mit psychisch Erkrankten können wir uns natürlich sehr gerne weiter unterhalten, nur glaube ich nicht, dass die Kommentarfunktion unter einem satirischen Artikel dazu der beste Ort ist.

  5. Josef Gundacker says:

    Ein durchaus interessanter Artikel. Das Beleidigtsein-Syndrom und das reflexartige Einnehmen der Opfer-Rolle ist aber auf beiden Seiten zu finden, bei den Kritisierten und auch den Kritikern. Wehe, wenn man einen Kritiker kritisiert! Zu ernsthaften Diskussionen scheinen nur wenige fähig zu sein!

    • M.J. Arch says:

      Das stimmt allerdings. Es kommt auch immer darauf an, wie ein Kritiker kritisiert wird. Häufig auf der Grundlage derselben Annahmen, die der Kritiker vorher kritisiert hat – auf diese Weise kann nichts Konstruktives herauskommen. Ähnlich dem Satz “Ich werde für dich beten”, wenn jemand den Gottesglauben öffentlich verneint hat.
      Sinnvolle, auch scharfe Kritik wird ohnehin selten aufgenommen, wenn man sich scheut, lieb gewonnene Ansichten zu hinterfragen. Kurzum: Kritik verträgt nicht jeder oder hört jeder gerne, das ist etwas Allzumenschliches. Nur rein die Opferrolle einzunehmen, und dies allein als Argument geltend machen zu wollen, das kann’s, kurz gesagt, nicht sein.

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