Heult doch.

This entry was posted in GBS (at), Islam, Religion and tagged . Bookmark the permalink.

Ein Film über den Propheten Mohammed, gedreht im Auftrag einiger christlicher Religioten, versetzt momentan (angeblich) die islamisch geprägten Länder in Aufruhr. Der schlecht gemachte Streifen wird hierbei als Statement des gesamten Westens hochstilisiert, zudem erfolgten die Proteste mit einiger Verzögerung. Ob sie daher so spontan waren die die Medienberichterstattung großteils darstellt, darf bezweifelt werden. Von Markus Arch

Befürchtet wird hier wohl vor allem ein ähnlicher Flächenbrand wie 2006 bei den dänischen Mohammed-Karikaturen. Ob diese “religiösen” Proteste wirklich nur auf Gottesfürchtigkeit und dem scheinbar dazugehörenden Beleidigt-Sein-Syndrom beruhen, oder ob solche Mohammed-Verwurschtelungen nicht auch ein Vorwand sind um der angestauten Unzufriedenheit über die westliche Politik Luft zu machen, sei dahingestellt- die vielen Experten, die es jetzt auf einmal wieder dazu gibt, diskutieren bestimmt heftig drüber.

Da ich keiner davon bin, möchte ich mich lieber auf etwas konzentrieren, das bei dieser Debatte um den gelungenen oder gescheiterten “arabischen Frühling” vernachlässigt wird: das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch wenn die Meinung nicht unbedingt vorherrschend ist. Dass es in dieser Hinsicht Defizite in den islamischen Ländern gibt, ist klar- die inszenierte Dichotomie zwischen Westen und Islam, die hier wieder zum Tragen kommt, ist jedoch verwunderlich und durch ihre allzustarke Vereinfachung der tatsächlichen Situation alles andere als hilfreich.

Einerseits wird hier wieder Öl ins Feuer gegossen, wenn es um die Vereinbarkeit scheinbar westlicher Werte mit den Ideen des Islams geht. Den Islam gibt es zwar genau so wenig wie das Christentum, da sich die einzelnen Gruppierungen innerhalb dieser Weltreligionen schon nicht drauf einigen können, was ihr Gott jetzt eigentlich genau will oder gesagt hat- das interessiert jedoch kaum jemanden. Der Westen als einheitlicher Block ist genauso konstruiert und existiert nicht per se wie der gegenüberliegende Block, bestehend aus den islamischen Ländern.

Der größte Unterschied in religiöser Hinsicht ist vermutlich, wie Schmidt-Salomon es ausdrückt, dass Europas Christentum (bzw. Christentümer) durch “die Dompteurschule der Aufklärung” gehen mussten. Die von manchen Politikern in den USA befürwortete Idee, die christliche Schöpfungslehre auf die gleiche Stufe mit der Evolutionstheorie zu stellen sowie die sinnlosen und geschichtsverfälschenden Äußerungen unserer Voksvertreter, wonach das Christentum essentiell für unsere Werte ist, zeigen jedoch deutlich dass das Projekt der Aufklärung auch hierzulande längst nicht beendet ist.

Jedenfalls ist freie Meinungsäußerung ein wichtiges Gut einer demokratischen Gesellschaftsstruktur. Diese gibt es auch in Europa oder den USA noch nicht allzulang, was auch am einst noch viel größeren Einfluss der religiösen Interessenvertreter liegt, dies wird jedoch nur selten erwähnt, wenn es wieder um das Thema der Integration islamischer Einflüsse im Westen geht. Stolz können wir darauf nicht sein, da Menschenrechte (wie eben die freie Meinungsäußerung) historisch betrachtet ganz bestimmt kein rein westliches Phänomen sind. Wir sollten sie natürlich verteidigen, aber sie als Abgrenzungsmerkmal heranzuziehen ist doch sehr arrogant und zeugt von historischem Unwissen.

Wenns euch nicht passt, heult doch

Demokratie beinhaltet auch das Recht, mit seinen Publikationen bei einzelnen Gruppierungen politischer oder religiöser Natur anzuecken. Selbstverständlich bedeutet das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht, unbedingt alles und jeden auf unterstem Niveau beleidigen zu müssen. Ich sehe es hier aber ähnlich wie beim Streit zwischen der Titanic-Zeitschrift und dem Vatikan: EinPapst Benedikt mit gelber Kutte ist meines Erachtens nach geschmacklos- aber als Person des öffentlichen Lebens muss der Pontifex es sich gefallen lassen. Genau so wie ein Dawkins sich manches gefallen lassen muss. Satire darf alles, und das ist gut so.

Zudem sollte jede gute Idee sich Kritik gefallen lassen müssen. Eine Idee wie die eines Gottes mitsamt seines Sohnes oder Propheten (je nach Glaubensrichtung) künstlich über jegliche Kritik erheben zu wollen zeugt nicht von deren Stärke, sondern zeigt nur deren Schwäche auf. Wenn eine Idee nämlich wirklich was taugt, sollte sie auf Kritik eine Antwort haben- und, um es nochmal zu betonen, beleidigt sein und Verbote aufstellen zu wollen ist alles andere als eine Antwort.

Zudem tut es gut, sich selbst und andere von Zeit zu Zeit nicht allzu ernst zu nehmen. Humor in all seinen Ausdrucksformen ist ein gutes Ventil, um, salopp ausgedrückt, nicht verrückt zu werden bei all dem Unsinn, der einem täglich entgegen schlägt. Dabei ist es halt wichtig, auch Schmäh ertragen zu können, der einen selbst aufs Korn nimmt. Solange es nicht völlig an den Haaren herbei gezogener Unsinn ist, sollte ein halbwegs vernünftiger Mensch sowas aushalten können, für alles andere gibt es Gesetze, die Verleumdung verbieten und welche im Einzelfall entscheiden müssen.

Im “Islam” hat sich die Freiheit des Einzelnen allem Anschein nach noch nicht etabliert, was an der fehlenden Aufklärung liegen dürfte. Bei uns war es vorher auch nicht anders, wenn nicht noch schlimmer. Jedenfalls sollte erstmal auch hierzulande verstanden werden, dass Beleidigt-Sein kein Argument ist. Bei anderen kulturellen Ideen sind sich da schnell alle einig, die eigenen lieb gewonnen Hirngespinste werden seltsamerweise aber anders behandelt.

Über Niveau lässt sich streiten, genauso wie über die Richtigkeit einzelner Ideen- wer aber keine Satire oder Karikaturen über sich verträgt, ist für den öffentlichen Diskurs nicht geeignet. Vor allem dann nicht, wenn er ohnehin keine stichhaltigen Argumente hat. Alles andere erinnert mich an den Kindergarten, dem wir eigentlich längst entwachsen sein müssten- auch in religiöser Hinsicht. Und dies gilt für alle Länder, ganz gleich wie auch immer sie geprägt sein mögen.

Daher gilt auch hierzulande, wenn die eigenen Ideen kritisiert oder karikiert werden: Nennt stichhaltige Gegenargumente, nehmt es mit Humor- oder heult doch. Wie es nun im Nahen Osten weitergehen wird, werden wir sehen- ich misstraue jedenfalls all den Experten, die jetzt schon wissen wollen, ob der “arabische Frühling” nun gelungen oder gescheitert ist.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>