Warum Holocaust und fehlende Vorhaut nichts gemeinsam haben

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In der aktuellen Debatte über die Beschneidung unmündiger und wehrloser Kinder taucht, welch Überraschung, ein altbekanntes Argument seitens einiger jüdischer und muslimischer Interessenvertreter auf: Der Antisemitismus, beziehungsweise der Rassismus. Gerade die Deutschen dürften jüdische oder muslimische Rituale nicht verbieten, die historische Untermauerung dieses Argumente dürfte wohl jedem bekannt sein. Von Markus Arch

Der Präsident der Konferenz europäischer Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, sieht in einem möglichen Beschneidungsverbot den schwersten Angriff auf das Judentum seit dem Holocaust. In einer kürzlich erfolgten Debatte auf 3sat zum Thema “Der Islam passt zu unseren westlichen Werten”, wo es mal nicht um das Abtrennen der Vorhaut ging, argumentierte der Gründer der Initiative österreichischer MuslimInnen, Tarafa Baghajati, streckenweise (und völlig undiffenenziert) mit dem Rassismus, der dem “guten Islam” entgegenschlägt.

Ist es nun antisemitisch und/oder rassistisch, gewisse Elemente der jüdischen oder muslimischen Tradition abzulehnen oder gar zu verbieten? Nein, und zwar aus folgenden Gründen.

Beschneidung gleicht dem Holocaust?

Orthodoxe Juden sehen in der Kritik an der Beschneidung von Kindern einen Angriff auf ihre Religionsfreiheit. Im deutschsprachigen Raum ist der Umgang mit jüdischen Traditionen natürlich ein heikles Thema, unsere NS-Vergangenheit verpflichtet uns zu einem behutsamen Umgang damit. Die Nazi-Keule auszupacken, wie Goldschmidt es tat, hilft herbei aber niemandem weiter. In der Tat verharmlost er die Greueltaten des NS-Regimes selbst, wenn er diese mit einer Debatte um die Nötigkeit archaischer Rituale in unserer modernen Zeit vergleicht. Wie Michael Wolffsohn in einem Kommentar bei der Welt kürzllich schrieb: Nicht die Beschneidung macht den Juden.

Es geht hierbei nicht darum, eine Glaubensgemeinschaft zu diskriminieren, da deren Mitglieder als minderwertiges Feindbild angesehen werden – wie es damals leider der Fall war. Es geht um die Rechte von Kindern, die in der UN-Kinderrechtskonvention klar niedergeschrieben sind. Dazu gehört das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Des Weiteren inkludiert das Recht auf freie Religionsausübung auch die Rechte des Individuums, und nicht nur jenes einer einzelnen Glaubensgemeinschaft. Mit anderen Worten: Jeder Mensch hat das Recht, seiner Religion nachzugehen – oder auch gar keiner Religion nachzugehen. Frühkindliche Indoktrination, sei es durch Beschneidung, aber auch durch andere Formen wie einen undiffenenzierten Religionsunterricht, der nur das sprichwörtliche “Blaue vom Himmel” erläutert und all die fragwürdigen Seiten des jeweiligen Glaubens gar nicht anspricht, steht dem komplementär gegenüber. Auch wenn es manchen sauer aufstösst, das Recht des Individuums zählt zum Glück heutzutage mehr als jenes der Gruppe.

Zudem suggeriert uns Wolffsohn, dass die Beschneidung selbst in der jüdischen (und auch christlichen) Religionsgeschichte alles andere als unumstritten war oder ist. Dieser Aspekt wird seitens der Beschneidungsbefürworter im Moment anscheinend gerne ausgeblendet.

Somit geht es hier nicht um die Diskriminierung einer Glaubensgemeinschaft, sondern um die universellen Rechte des Individuums, egal in welches Milieu es zufällig reingeboren wurde – ein Holocaust-Vergleich ist hier wirklich mehr als unpassend. Das bedeutet nicht, dass orthodoxe Juden sich alles gefallen lassen müssten – eine differenziertere Denkweise würde aber nicht schaden, um gemeinsam eine Lösung finden zu können. Gegenseitige, haltlose Vorwürfe inklusive der fast schon als Reflex erscheinenden Nazi-Keule bringen da wenig, sie schaden viel mehr.

Islam-Kritik gleicht dem Rassismus?

Der Islam ist im Moment die weltweit am schnellsten wachsende Religion. Ähnlich wie im Christentum gibt es den “einen Islam” hierbei nicht, sondern verschiedene Strömungen. Zudem haben die allermeisten Muslime nichts mit dem Schreckgespenst des bärtigen Terroristen gemeinsam, wie es uns rechte Politiker und/oder Medien nahelegen würden.

Muslime müssen sich ebenfalls berechtigte Kritik gefallen lassen, so wie jede andere Religionsgemeinschaft heutzutage. Die Scheinargumente der Tradition greifen in der Moderne nicht mehr, oder anders ausgedrückt: Jede Religion, die staatliche oder sonstige Privilegien haben will, muss sich in einer pluralistischen Gesellschaft Kritik und unangenehme Fragen gefallen lassen. Die Zeiten, wo dies nicht der Fall war, sind zum Glück vorbei. Zudem kann keine Religion aufgrund der universellen Menschenrechte mit ihren Mitgliedern einfach so umgehen, wie sie es möchte – was dann passiert, zeigt ein kurzer Blick in ein jedes Geschichtsbuch.

Die Islamdebatte kann zwar mit rassistischen Motiven zu tun haben, wie es leider manchmal der Fall ist. Alle Islam-Kritiker als Rassisten, beziehungsweise die Integrationsdebatte pauschal als rassistisch motiviert anzusehen, bringt uns aber auch hier nicht weiter. Die Schattenseiten des Koran und anderer wichtiger Schriften nicht anzusprechen, sondern nur die auch heute noch als positiv zu bewertenden Suren zu wiederholen gleicht einer Verzerrung dieser Weltreligion. Zudem wird sich nicht auf den Islam beschränkt, andere Weltreligionen sind ebenso im Kreuzfeuer der Kritik.

Argumentativ untermauerter Kritik sollte sich gestellt werden, um gemeinsam Lösungen und Zukunftsperspektiven finden zu können. Pauschale Verurteilung von Islamkritikern als Rassisten ist zwar einfach, aber irreführend und haltlos.

Individuelles Recht wiegt stärker als das Recht der Gruppe

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Rituale und Traditionen aller Religionen haben sich im Laufe der Zeit transformiert, auch wenn uns ältere Herren mit ihren Dogmen gerne etwas anderes erzählen. In einer Gesellschaft, wo ein Individuum die Freiheit genießt, sein Leben nach eigenem Ermessen zu gestalten, haben alte Vorschriften und/oder Ideen von der frühkindlichen Einführung in eine bestimmte Religionsgemeinschaft keinen Platz mehr.

Der Mensch kann sich auch im späteren Alter zu einer Religion bekennen, und zwar aus freien Stücken heraus. Solange frühkindliche Indoktrination jeglicher Art erfolgt, untermauert mit Scheinargumenten einiger ahnungsloser Politiker (ÖVP/CDU/CSU lassen grüßen), solange kann von einem vollwertigen, individuellen Selbstbestimmungsrecht keine Rede sein.

Darum sollte es gehen, und nicht um Rassismus- und Antisemitismusvorwürfe. Im Falle des tatsächlichen Auftretens solcher Tendenzen sind humanistisch orientierte Beschneidungsgegner, Religionskritiker usw. die letzten, die sich auf die rechte Seite schlagen. Religionsfreiheit Ja – solange sie nicht die Rechte des Individuums einengt.

2 Antworten zu Warum Holocaust und fehlende Vorhaut nichts gemeinsam haben

  1. die muslime welt und immer mehr auch israel bieten ihnen diese option wenn sie die grundsätzlich undemokratische haltung dieser regime nicht stört. religöse vergessen immer das unsere heutige moderne religionsfreiheit nicht dank der religionen sondern trotz religionen erreicht wurde.

  2. LastCorazon says:

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