Ja zur Beschneidung

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Eigentlich wollte ich mich zu diesem Thema nicht äußern, da es bereits mehr als genug kritische und gute Argumentationen und Statements hierzu gibt – viele davon von Personen, die sicherlich qualifizierter sind als ich. Da aber auf der Seite der Beschneidungs-Befürworter gebetsmühlenartig immer die gleichen Scheinargumente auftauchen, konnte ich es mir doch nicht nehmen lassen, auch ein paar Zeilen darüber zu verfassen. Von Markus Arch.

Das Kölner Urteil hat europaweit eine heftige Diskussion zur Beschneidung männlicher Jugendlicher in jüdischen und muslimischen Milieus ausgelöst. Die Befürworter der Entfernung von Vorhäuten im unmündigen Alter scheinen sich hierbei vor allem auf drei Prämissen zu berufen: Tradition, Religionsfreiheit und Hygiene. Im Folgenden möchte ich auf diese drei Punkte kurz eingehen.

Tradition determiniert nichts

Dass die Beschneidung seit sehr langer Zeit durchgeführt wird, ist für sich allein kein Argument. Selbstverständlich sind Traditionen wichtig, um das Zusammenleben in Gemeinschaften zu regeln und als gemeinsamer Bezugspunkt von Individuen zu agieren – kurz gesagt sind sie ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens. Aber wir sprechen hier nicht von Trachtenumzügen oder Tanzveranstaltungen, hier geht es um das Recht des Individuums auf körperliche Unversehrtheit. Wie Jérôme Segal in einem Gastkommentar bei der Wiener Zeitung kürzlich äußerte: “Wieso sollten Gläubige ihre Kinder wie Vieh markieren dürfen? Es geht  doch um eine Verstümmelung, wenn auch mit viel weniger Folgen als bei  der weiblichen Genitalverstümmelung”.

Des Weiteren untermauert die Langlebigkeit gewisser Praktiken ganz bestimmt nicht deren Richtigkeit. In der Geschichte der Menschheit wurden viele Ideen verworfen, die lange das Zusammenleben bestimmten, an sich aber keinen Sinn machten. Beispielsweise die Doktrin “Kein Sex vor der Ehe”- wer in Österreich hält sich da heute noch dran? Die menschliche Natur inklusive dem Sexualtrieb ist stärker als die Vorstellung abstinenter religiöser Würdenträger, da können diese machen, was sie wollen.

Mit dem “Argument” der Tradition ließe sich des Weiteren sehr viel “rechtfertigen”, was nicht im Sinne eines aufgeklärten, demokratischen Verständnisses sein kannn. Im vormoderen Europa gab es die Regelung, dass der Lehensherr eines Bauern die erste Nacht mit dessen Gattin verbringen darf und die Bauern praktisch Leibeigene waren – sollte das wieder eingeführt werden, nur weil es lange Zeit gegolten hat? Wer Tradition für ein schlagendes Argument hält, sollte ein paar Schritte weiter denken.

Die Beschneidung widerspricht der Religionsfreiheit

Die freie Ausübung der Religion ist in Österreich gewährleistet – und das ist auch gut so. Es gibt allerdings einen weiteren Gesetzestext, der deswegen nicht außer Kraft gesetzt werden sollte: Artikel 19 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes.

Zudem werden sie nicht nur körperlich, sondern gewissermaßen auch geistig beschnitten – die freie Religionsausübung des Kindes in seinem späteren Leben wird durch die “Brandmarkung” ganz klar beschränkt. Anders als im katholischen Religionsunterricht, der einer frühen Indoktrination mithilfe staatlicher Mittel gleichkommt, ist diese Beschränkung körperlich zu erkennen. Anders ausgedrückt:

  • Kann man ein Kind fragen, ob es Mitglied einer bestimmten Religionsgemeinschaft sein möchte? – Nein.
  • Wird es trotzdem zum Mitglied einer bestimmten Religionsgemeinschaft gemacht und in sehr jungen Jahren mit deren Dogmen und Vorstellungen konfrontiert? – Ja.

Mir persönlich fällt kaum etwas ein, dass die individuelle Religionsfreiheit so stark einschränkt wie die Praktiken eben jener Personen, die sich bei ihrem Vorgehen auf die Religionsfreiheit selbst berufen.

Dem Manne ist es zuzutrauen, sich zu waschen

Als Drittes wird das Argument der Hygiene herangezogen, was noch am vernünftigsten wirkt. Allerdings stellt sich hierbei die Frage, inwieweit des Fehlen der Vorhaut am Penis tatsächlich hygienisch sein soll. Klarerweise kann sich dahinter kein, sagen wir mal, Schmutz mehr sammeln – wir sind aber nicht mehr im Mittelalter, die Leute waschen sich heute für gewöhnlich regelmäßig. Die kurze Zeit zum Zurückziehen der Vorhaut, um den Penis zu reinigen, ist mittlerweile zumutbar.

Zudem impliziert die hygienische “Begründung” der Beschneidung, dass die Nicht-Beschneidung unhygienisch ist. Demnach wäre der Großteil der Männer auf dieser Welt, der unbeschnittren ist, ganz schön schmutzig – aber wie gesagt, Waschen ist zumutbar.

Nebenbei erwähnt, wurde die Beschneidung unter anderem zum Unterbinden der Masturbation eingeführt. Ein aus fundamental-religiöser Sicht wichtiger Standpunkt, aber glücklicherweise größtenteils nicht mehr gültig – siehe die vorige Argumentation über Traditionen. Und wer masturbieren heute noch für eine Sünde hält, dem kann man, salopp formuliert, eh nicht mehr helfen.

Die hygienischen Gründe sind teils pseudowissenschaftlich untermauerte Scheinbegründungen. Solange es keine handfesten, wissenschaftlichen und durch Studien belegte Beweise für die positiven Auswirkungen der Beschneidung gibt, sind sie vernachlässigbar. Bis jetzt gibt es nur zu Recht anzweifelbare Statements hierzu. Dass die Beschneidung nicht unbedingt schaden muss, ist hierbei kein Argument.

Ja zur Beschneidung

Ich fordere aus all den vorigen Überlegungen ein Ja zur Beschneidung – und zwar zur Beschneidung des Rechts auf Ausübung der Verstümmelung unmündiger Individuen. Das Kind kann sich im späteren Alter immer noch selbst zu diesem Schritt entscheiden, wenn es Teil jener Gemeinschaft werden will, die diese archaische Sitte nach wie vor als wichtig erachtet.

Es ist also für die Religiösen nichts verloren, wenn sie ihre Scheinargumente niederlegen und das in unserer individualisierten Gesellschaft bestehende Recht der körperlichen und geistigen Unversehrtheit von Kindern anerkennen würden.

4 Antworten zu Ja zur Beschneidung

  1. Hans-Peter says:

    Die Begründung lautet ja, dass mit der Beschneidung der Art Bund mit Gott geschlossen wird und es dazu keine Alternative gibt. Meine Frage: wie schliessen die Mädchen den Bund mit Gott? Gar nicht (krasse Diskriminierung!) oder gibt es ohne schon seit Jahrtausenden eine Alternative?

  2. Beschneidungsgegner says:

    Ganz einfach, sie werden auch beschnitten. In Ägypten sind z.B. 97% aller Mädchen beschnitten, siehe http://islaminstitut.de/Nachrichtenanzeige.4+M5accce331d2.0.html

    Die Dunkelziffer dürfte in D dürfte daher erschreckend hoch sein.
    Also sollte der Ethikrat doch besser zustimmen, auch Mädchen unter Narkose beschneiden zu dürfen, so ersparen wir ihnen eine unprofessiionelle Beschneidung im Hinterhof, dass war jedenfalls das Argument des KinderSCHUTZbundes bzgl. Zustimmung im Ethikrat – Merken wir was?

  3. erna says:

    Beschneidungen müssen wie alle Initiationsriten bei vollem Bewusstsein erlebt werden – darum weigern sich ja alle sog. „Juden“ und „Muslime“, diese unter Narkose durchzuführen.
    Komischerweise haben diese Leute (mit einem IQ weit unter 200) immer noch nicht Soziologie und Religionswissenschaft studiert – und wissen daher immer noch nicht, wie soziale Phänomene zustanden kommen.
    Wenn jeder Idiot begriffen hätte, wie “soziale” Phänomene (Empathie, Theory of Mind, Bindungen, Faschismen, Initiationsriten, Gruppendruck, Völkismus, Nationalismus, Nationalsozialismus, Religionen) entstehen, so gäbe es keine “unbewussten” “sozialen” Phänomene mehr…
    Kein Wunder, dass alle sog. „Juden“ und „Muslime“ schon seit Jahrtausenden „traumatisiert“ sind (inkl. Sigmund Freud mit seiner Kastrationsangst) – mit teils fatalen Konsequenzen für die übrigen (zum Glück viel intelligenteren) Leute, die es zum guten Glück immer noch (aber extrem selten) gibt…
    Es gibt eben nur ein einziges Menschenrecht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn sich alle daran halten würden (von “Beschneidung” über “Mund zukleben” bis “Kinderausbeutung”)…
    Und zum Angriff Israels (“Juden”) auf den Iran (“Arier”):
    Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt leben können ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-hypersozial-hypermedial-politisch-juristisch-wissenschaftlichen Blödsinn überall?
    Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen!

  4. Pingback: Links (27) – CBeuster

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