Replik auf Stefan Winklers “Die Laizismus-Falle” vom 1.4.2012

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Am 1. April 2012 erschien in der Printausgabe der Kleinen Zeitung ein Artikel von Stefan Winkler mit der Überschrift “Die Laizismus-Falle. Weshalb die Religion nicht aus dem öffentlichen Raum verbannt werden darf“. Der Artikel zeugt von defizitärem Wissen über die Verfassung und bezeichnet Personen, welche auf Mißstände im Verhältnis von staatlichen Institutionen zu Religionsgemeinschaften aufmerksam machen, als Eiferer. Dieser Artikel, welcher in der Rubrik “Offen gesagt” veröffentlicht wurde, war mir eine kurze Stellungnahme wert, die ich an dieser Stelle publik machen möchte:

Sehr geehrter Herr Winkler,

in der Printausgabe der Kleinen Zeitung vom 1.4.2012 haben Sie einen interessanten Artikel geschrieben, in dem es um die Empörung allzu eifriger Laizisten geht, welche die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen. Ich möchte hierzu folgende Anmerkungen machen:

1. Die Präsenz von Religion im Alltag ist insofern natürlich nicht indoktrinierend, als dass sie von Glaubensvertretern und deren Anhängern finanziert und vertreten wird, und nicht vom Staat, der sich weltanschaulich neutral zu verhalten hat. Dies ist in Österreich aber nicht der Fall, die österliche Schweigeminute ist hierbei nur ein Beispiel unter vielen. Kreuze und Kruzifixe in Schulen, sowie die nicht mehr zeitgemäße staatliche Unterstützung der katholischen Kirche seitens des österreichischen Staates wären als weitere Aspekte zu nennen, wobei letzteres auf Gesetzen und Regelungen beruht, welche alles andere als demokratisch legitimiert worden sind. Im Bezug des ORF kommt natürlich noch die pro-christliche Sprachregelung im Falle des Attentäters Breivik hinzu, welche so von religionskritischen (kritisch, nicht feindlich) oder andersgläubigen Menschen nicht hingenommen werden kann. Und zwar deswegen, weil

2. Die katholische Kirche als Institution und als Hüterin der Moral bereits seit langem ihr Gesicht verloren hat. Ich spiele hier nicht mal auf die Missbrauchsfälle der letzten Jahre an, ein Blick in ein Geschichtsbuch zeigt, dass sie niemals als moralische Institution verstanden werden konnte. Dabei spreche ich nicht von deren Gläubigen, sondern ganz spezifisch vom Glaubensverein selbst. Wieso dieser bzw. dessen von der Wissenschaft bereits lange widerlegten Überzeugungen im öffentlich- rechtlichen Fernsehen also ein Platz eingeräumt werden sollte, dafür gibt es keine objektiv nachvollziehbaren Argumente. Hier mag zwar die Tradition ins Spiel kommen, aber

3. Tradition determiniert nichts. Im Zuge der Aufklärung wurde das europäische Christentum in Hinsicht auf seine fundamental-dogmatischen und in höchstem Maße intoleranten Grundsätze zwar “gezähmt”, wodurch es im öffentlichen Bewusstsein getrost als “Religion Light” bezeichnet werden kann – dies ändert aber trotzdem nichts daran, dass deren offizielle Vertreter (sowohl der Vatikan, als auch höhere österreichische Berufsgläubige wie bspw. Bischof Schwarz) immer noch für Werte und Dogmen stehen, die undemokratisch, homophob und realitätsfern sind. Da mit dem Einsatz öffentlicher Medien aber genau diesen Vertretern des katholischen Christentums in die Hände gespielt wird, kann dies von niemandem ernsthaft akzeptiert werden, der für die Grund- und Menschenrechte sowie die Werte der Redlichkeit und Ehrlichkeit im Umgang mit historischen Fakten einstehen will.

4. Wer Laizismus und/oder Säkularismus als Religion bezeichnet, hat sich entweder mit deren Grundsätzen nicht auseinander gesetzt oder diese nicht ganz verstanden. Es geht und ging nie darum, den Menschen ihre Religion oder Spiritualität zu verbieten, sondern einzig und allein darum, dass eine spezifische Weltanschauung nicht staatlich privilegiert werden sollte. Dass dies in Österreich der Fall ist, habe ich ja bereits im ersten Punkt angedeutet.

5. Eine Kultur, in der kein Platz für Glück ist, kann selbstverständlich als kalte Kultur bezeichnet werden. Inwieweit dieses vermeintliche Glück aber nun mit der Aufrechterhaltung anti-laizistischer Vorgehensweisen verknüpft sein soll, ist mir schleierhaft. Dass viele Personen zu Ostern in die Kirche strömen, welche dies sonst nicht tun, kann zwar als Indiz für die “Christlichkeit” der Bevölkerung verstanden werden – aber dies deutet doch viel eher darauf hin, das Religion langsam aber sicher zu Folklore wird und nicht mehr besonders ernst genommen wird.

6. Der Satz, dass religiöse Rituale die Banalität des Alltags durchbrechen, bedarf weiterer Begründung. Aus subjektiver Sicht mag dies irgendwie stimmen, aber dadurch die derzeitige Privilegierung der Kirche verteidigen zu wollen, ist eine seltsam anmutende Argumentationslinie, welche so ohne weiteres keiner Überprüfung standhält.

Mit freundlichen Grüßen,
Markus Arch
Regionalgruppe Österreich im Förderkreis der Giordano-Bruno-Stiftung

PS: Die Liste der Möglichkeiten zur Indoktrination von Kindern, beruhend auf ungerechtfertigter Privilegierung und falsch verstandener Toleranz seitens des Staates, habe ich hier noch gar nicht angeführt.

PPS: Herr Winkler fand freundlicherweise die Zeit, mein Statement zu beantworten, jedoch hat sich seine Ansicht, beruhend auf m.E. nach defizitärem Wissen, auch durch die von mir aufgelisteten Tatverhalte nicht ändern lassen. Wir sind seines Erachtens nach immer noch eine kleine Gruppe von Eiferern, die anderen unsere “Meinung” aufdrücken will.

2 Antworten zu Replik auf Stefan Winklers “Die Laizismus-Falle” vom 1.4.2012

  1. mir hat der Herr Winkler folgendes geschrieben:

    Lieber Herr Reinisch,
    ich gebe Ihnen eine guten Rat, der Ihnen Ihre Alltagsqualen erleichtern wird.
    Wenn Sie einen Kreuz sehen, wovon es in Österreich einige geben soll, schauen Sie einfach weg.
    Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Winkler

    Eine von mir geforderte Entschuldigung steht noch aus.
    Franz Reinisch

  2. Manfred Weiss says:

    Eine offene und ehrliche Diskussion mit Menschen, die ihre Wahrheit dogmatisch abgesichert glauben, ist eigentlich nicht möglich. Die katholische Kirche in Österreich wird die Bedeutung der Trennung von Kirche und Staat erst dann erkennen, wenn es (für sie) zu spät ist. Es wird ein böses Erwachen geben, wenn eine andere Religion an Bedeutung zunimmt und zu Recht auf die Gewährung der gleichen Privilegien durch den Staat besteht.
    Manfred Weiss

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