Placeboeffekt des Glaubens

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Die Regionalgruppe Österreich der Giordano Bruno Stiftung (gbs) lud am 14. März 2012 mit dem Thema “Warum wir glauben – MÜSSEN – wir glauben!?“ zu einem Philosophischen Diskussionsabend nach Graz. Unter den Gästen konnte u.a. auch Prof. Dr. Gerhard Streminger, wissenschaftlicher Beirat der gbs, sehr herzlich begrüßt werden.

Dr. Gerfried Pongratz referierte über die evolutionären Grundlagen religiöser und esoterischer Gläubigkeit, über Determinismus, Kausalität und Zufallsannahmen im Hinblick auf Glaubensvorstellungen und beleuchtete eingehend deren Wirkung: Religiöse Überzeugungen (und esoterische Ansichten) nähren sich aus den gleichen evolutionären Wurzeln. Sie sind, wie jedes andere menschliche oder nichtmenschliche Phänomen, den Naturgesetzen unterworfen und damit wissenschaftlich erforschbar. Ihre (wahrscheinlich) genetische Verankerung bietet einen Selektionsvorteil, der in einen “Placeboeffekt des Glaubens” mündet.

Die Frage, warum Menschen Akteure und Wirkungszusammenhänge auch dort sehen, wo es keine gibt, führt zu den Wurzeln der Gehirnentwicklung und Sozialisation des Menschen. Wie religiöses Denken entsteht, warum der Mensch dazu neigt, unsichtbare Akteure anzunehmen, diesen verschiedenste Intentionen zuzuordnen, daraus Hypothesen zu bilden, die sich wiederum durch Replikationsmechanismen und Rituale verstärken und weiters auch, ob religiöse Gläubigkeit genetisch verankert, oder eher Memen zuzuschreiben ist, bildeten weitere Punkte des Vortrages.

Dr. Pongratz war daran gelegen, auch die medizinischen und psychosozialen – z.T. durchaus positiven – Effekte und die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung zum Thema „Gläubigkeit“ darzustellen, wobei die Problematik des Absolutheitsanspruches der meisten Religionen und vieler esoterischer Aussagen in ihrer negativen Bedeutung für die Entwicklung des Einzelindividuums und der Gesellschaft ebenfalls zur Sprache kamen: Unantastbarer Wahrheitsanspruch religiösen und esoterischen Glaubens sowie mancher politischer Ideologien führt zu Erstarrung in irrationalen Dogmen und zu Immunisierung gegenüber kritischen Auseinandersetzungen, in weiterer Folge dann auch zu Intoleranz, Fundamentalismus und Wissenschafts-/Fortschrittsfeindlichkeit. Abhilfe schaffen – bzw. einen Gegenpol dazu bilden – kann nur ideologiefreie Erziehung, Bildung und Aufklärung, wobei letztere als fortwährender Prozess mit immer neuen Herausforderungen und Erkenntnissen sowie als unabdingbare Forderung für die Weiterentwicklung von Wissen, Kultur, Ethik, Menschlichkeit usw. zu verstehen ist.

Die Frage nach dem wissenschaftlichen „Wahrheitsanspruch“ von Aufklärung (Hypothetischer Realismus, Kohärenz- und Korrespondenztheorie, Logik und Empirie) bildeten den Schlusspunkt des Vortrages, dem eine dreistündige sehr engagierte und lebhafte Diskussion auf hohem Niveau folgte.

Siehe auch: http://hpd.de/node/13067

2 Antworten zu Placeboeffekt des Glaubens

  1. Gerhard Weißensteiner says:

    Irgendeine Wahrheit zu finden und wenn es nur um 1+1=2 geht, ist in Wirklichkeit ein Scheinergebnis. Für “1+1 sagt man eben 2″ und niemand kann das beweisen. Trotzdem meinen einige, das sei das Ergebnis einer Rechnung. So können uns unsere liebgewordenen Denkgewohnheiten in die Irre leiten. Weder Religionen, noch Ideale und erst recht keine Vorausdenker können uns unseren höchstpersönlichen Weg zur wahren Erkenntnis weisen. Niemand kann uns die Verantwortung für unser Leben abnehmen, denn damit werden wir unfrei und abhängig. Man hüte sich beonders vor denen, die behaupten, den sicheren Pfad zur Erkenntnis genau zu kennen. So ähnlich hat das der indische Philosoph Krishnamurti einmal beschrieben.

  2. renate abdul-hussain says:

    placeboeffekt des glaubens. zu kommentar gerhard weißensteiner.
    genau – jeder der begonnen hat, seine entscheidungen aus seiner inneren stärke heraus mithilfe von abwägenden denkprozessen, zu treffen braucht keinen aussenstehenden, vereinnahmenden, verdummenden, ein schlechtes-gewissen-einredenden, aushorchenden “seelsorger”.
    danke.

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