Unsicherheit, Redlichkeit und der Osterhase

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Diesmal soll es wieder um das Thema Atheismus/ Agnostizismus/ Religion gehen. Diese Thematik wurde von mir zwar schon oft behandelt, aber es bedarf wohl nach wie vor einer gewissen Klarstellung. Insbesondere der Agnostizismus, also die generelle Ablehnung und das “Offenlassen” der Frage nach Gott und/oder anderen metaphysischen Ideen, ist hierbei meines Erachtens keine praktische, weltanschauliche Option. Von Markus Arch

Worum geht es?

Das Orakel der modernen Gesellschaft (Wikipedia) beschreibt den Agnostizismus folgendermaßen:

Der Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont. Die Möglichkeit der Existenz transzendenter Wesen oder Prinzipien wird nicht bestritten. Agnostizismus ist sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar, da der Glaube an Gott möglich ist, selbst wenn man die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis Gottes verneint.

Der Duden sieht dies ähnlich. In der Theorie hören sich die agnostischen Grundlagen zunächst interessant und irgendwie auch einleuchtend an:

  • Ob es außerhalb der empirisch und sinnlich erfahrbaren Welt (Diesseits) noch etwas Weiteres gibt (Jenseits), ist eine Frage die niemand mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten kann
  • Da wir Menschen es gar nicht ganz genau wissen können, ist es müßig, einen exakten Standpunkt (Ja oder Nein) einzunehmen
  • Daher wird sich entweder nicht weiter mit der Frage beschäftigt, oder es wird ganz bewusst keine der beiden Alternativen eingenommen

Was mich dabei stört ist, dass diese Argumentationslinie eine gewisse Redlichkeit vermissen lässt.

Weshalb Agnostizismus keine wirkliche Option ist

Nur weil etwas nicht hundertprozentig bewiesen oder widerlegt werden kann, bedeutet dies noch lange nicht, dass wir uns deshalb einer Meinung enthalten können. In der modernen Wissenschaft gilt schließlich nicht das Prinzip der absoluten Verifikation, sondern vielemehr jenes der Falsifikation. Dies bedeutet, dass eine Theorie solange Gültigkeit besitzt, bis sie widerlegt, verbessert oder durch eine andere, logisch- konsistentere ersetzt wurde. Wie der medizinische Kabarettist Dr. med. Eckart von Hirschhausen so schön sagt: Wir irren uns langsam nach oben.

Dieser von Karl Popper geprägte kritische Rationalismus (samt Falsifikationismus) mit all seinen Implikationen ist meines Erachtens nach jene Vorgehensweise, welche sich bis zum heutigen Tag am Besten bewährt hat bei der Suche nach Erkenntnissen. Menschliches Wissen ist stets beschränkt, und auch neueste Erkenntnisse sind nicht völlig sicher. Aber: Sie sind sehr viel sicherer und wahrscheinlicher als alte menschliche Ideen und Theorien, beispielsweise jene eines allmächtigen Schöpfers.

Diesem Grundgedanken folgend, konnten weder die Philosophie, die Theologie noch irgend eine andere geistes- oder auch naturwissenschaftliche Disziplin stichhaltige Indizien für die Existens des Jenseits liefern. Auf der anderen Seite wiederum sieht der aktuelle Erkenntnisstand so aus, dass es vermutlich weder eine Seele, eine jenseitige Welt noch eine wie auch immer geartete Form von Gott gibt.

Und an diesem Punkt kommt meiner Meinung nach die Redlichkeit ins Spiel.

Die Unredlichkeit des Agnostizismus

Redlichkeit bedeutet zunächst einmal, seine innere Haltung und sein Handeln miteinander in Einklang zu bringen. Dem Prinzip von Popper folgend also, dass die eigenen Standpunkte nicht dogmatischer Natur sind und solange eingenommen werden können (bzw. sollen), bis sie widerlegt wurden, oder zumindest stichhaltige Argumente dagegen auftauchen. Da es bis dato keine besseren Methoden zur Überprüfung von allen möglichen Thesen gibt als die wissenschaftlichen, sollte man sich meiner Meinung nach eben auf diese beziehen. Redlichkeit bedeutet also auch, seine Einstellungen mit den aktuellsten und am besten gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen.

Thomas Metzinger zieht beim Agnostizismus gegenüber Gottesvorstellungen den satirischen Vergleich mit dem Osterhasen. Ihm zufolge kann auch dieser nicht hundertprozentig bewiesen oder widerlegt werden, es ist jedoch unredlich, sich als Osterhasen- Agnostiker zu bezeichnen.

Fazit

Es sprechen alle modernen Erkenntnisse gegen die Existenz einer jenseitigen Welt. Dies bedeutet natürlich nicht, dass diese nicht doch existieren könne- die Wissenschaft hat sich im Laufe der Zeit ja immer wieder selbst widerlegt, und daraufhin neue Ansätze und Theorien entwickelt. Aus heutiger Sicht jedoch ist diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bloß eine Schöpfung des menschlichen Geistes, und in der Realität nicht existent (also ähnlich wie der Osterhase).

Solange nun keine stichhaltigen Argumente gegen ein streng diesseitiges Weltbild auftauchen, sollte man aus Gründen der Redlichkeit sich selbst gegenüber versuchen, ohne diese Annahme auszukommen. Dies ist alles andere als einfach, gewährleistet aber, dass man sich nicht selbst etwas vorzumachen versucht.

3 Antworten zu Unsicherheit, Redlichkeit und der Osterhase

  1. Mist,

    du hast mir mein Thema für das Wort zum Freitag geklaut. :(
    Dann auch noch so, dass ich dir nur zustimmen und nicht mal ein Gegenposting machen kann. So geht da aber nicht weiter! ;)

  2. M.J. Arch says:

    Das war bestimmt nicht meine Absicht. Aber ich bin mir sicher, du findest für dein dieswöchentliches Wort zum Freitag bestimmt ein anderes, interessantes Thema ;-)

    mfg
    Markus

  3. Hmmm, ich vermute, dass es durchaus Menschen gibt, die sich selbst beim besten Willen einfach nicht in der Lage sehen, eher die eine oder der andere Seite (Theismus oder Atheismus) für wahrscheinlicher zu halten – sodass ihrer Selbstbezeichnung als AgnostikerInnen nicht unbedingt ein Moment der Unredlichkeit innewohnen muss, insofern es doch letztenendes immer auch auf eine Plausibilitätseinschätzung hinausläuft… ;-)

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