Giordano Bruno Stiftung Österreich

Antireligiöse sind neidisch? – Kommentar zu Raphael M. Bonelli

02.02.12 von

Raphael M. Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, sowie Leiter der neuropsychiatrischen Forschungsgruppe der privaten Sigmund Freud Universität, hat dem schweizerischen Tagesanzeiger vor kurzem ein Interview gegeben.
In diesem behauptet der in Wien tätige Spezialist, der nebenbei dem Opus Dei angehört, das “aggressive” Atheisten narzisstisch veranlagt wären. Von Markus Arch.

Ich habe dieses Interview natürlich aufmerksam gelesen, und wusste im Anschluß daran erstmal nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Letzten Endes entschied ich mich aber dazu, die teilweise merkwürdigen Aussagen Bonellis zu kommentieren. Das gesamte Interview mit ihm lässt sich hier finden.

Zusammenfassung des Interviews:

Laut ihm ist der Grund für ‘diffuse Religionsfeindlichkeit’ eine ‘irrationale, unkontrollierte Affektivität’, welche viele Atheisten betrifft. Des Weiteren ist diese dafür verantwortlich, dass sich manche Personen schon über ein Jesus- Plakat aufregen.

Atheisten sind dem Psychiater zufolge durch drei Aspekte narzisstisch gekränkt:

1. Die Tatsache, dass Gott – trotz der Aussage Friedrich Nietzsches – nicht tot sei. Religionen würden weltweit regen Zulauf genießen, und ein Atheist kann die im Menschen veranlagte ‘natürliche Religiösität’ nicht akzeptieren.

2. Die religiöse Moral zeigt dem Menschen, dass er nicht Gott ist, indem sie dessen Schuld aufzeigt. Andere ethische Angebote seien hingegen beliebig, den Atheisten kränkt es, ‘nicht unfehlbar zu sein und sich verantworten zu müssen’.

3. Der Atheist möchte die Realität Gottes zwar ablehnen, sehnt sich aber gleichzeitig nach der Geborgenheit eines Gottesglaubens: ‘Die Kränkung besteht darin, gottlos zu sein, obwohl man sich unterbewusst nach Transzendenz sehnt’.

Bonelli fügt noch hinzu, viele seiner Kollegen würden feststellen, dass dem Menschen eine natürliche Religiösität innewohnt: ‘Wir wissen heute aus vielen wissenschaflichen Studien, dass Glaube dem Menschen guttut, weil er dem Menschen gemäß ist.’

Weiters ergänzt er, dass es noch zu keiner Zeit modern gewesen sei, sich völlig seinem Schöpfer hinzugeben: ‘Der Mensch ringt immer und zu jeder Zeit damit, ob er sich demütig als  Geschöpf in die Schöpfung einordnet oder selber Gott spielen möchte’.

Statement:

Religionsfeindlichkeit, welche sich im Alltag manifestiert, beruht also auf einer irrationalen Grundlage und ist somit diffus. Ich denke eher, dass die Ablehnung jedweder religösen Symbolik und Denkweise das Resultat einer intensiveren Beschäftigung mit eben jener sein kann. Personen, welche öffentlich gegen religiöse Ideen und religiöse Werbung (bspw. ein Jesus- Plakat) vorgehen, tun dies wohl kaum grundlos, oder, wie Bonelli behauptet, aus diffusen und inrrationalen Gründen. Im Gegenteil, es gibt genug logisch konsistente Beweggründe, dies zu tun. Beispielsweise wären da:

  • die Religionsgeschichte, welche vor allem durch Folter, Mord und Kriege gezeichnet ist
  • die negativen Folgen von religösem Kadavergehorsam, welche wir auch heute noch tagtäglich auf der Welt beobachten können
  • die Freiheit der Religionsausübung- welche auch impliziert, keine Religion auszuüben
  • die simple Unsinnigkeit und Unhaltbarkeit traditioneller religiöser Ideen
  • neuere wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse, welche Religionen immer stärker als veraltet und nicht zeitgemäßt erscheinen lassen
  • die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung

Diese Liste ließe sich noch lange so fortführen und sehr ausführlich begründen, jedoch will ich hier keine wissenschaftliche Arbeit abliefern. Vor allem, da diese stark gekürzte Fassung der atheistischen Argumente ohnehin schon völlig ausreichend ist.

Daher nun zu den drei narzisstischen Kränkungen:

1. Atheisten können die Religiösität ihrer Mitmenschen sehr wohl akzeptieren – solange diese Privatsache bleibt, ist jeder Mensch frei zu glauben, was er will. Einschränkungen treten dann auf, wenn der eigene Glaube als Maß aller Dinge angesehen wird und somit anderen aufgedrängt werden soll. Des Weiteren ist die Geschichte vom christlichen Abendland eine Lüge – und somit religiöse Symbolik im öffentlichen Bereich noch weniger gerechtfertigt. Kurzum: Ein Atheist kann die innere Religiösität eines Menschen sehr wohl akzeptieren – nur diese soll dann bitte auch dort bleiben, oder zumindest anfangen, halbwegs stichhaltige Argumente im öffentlichen Disput zu liefern.

Weiters ist die Aussage, dass alle anderen Formen von Moral beliebig sind, schlicht und einfach falsch. Sie erfordern aber die Benützung des eigenen Verstandes, in Kombination mit Wissen und Erkenntnissen aus unterschiedlichen Disziplinen, wie beispielsweise naturalistischer Philosophie oder Biologie. Ein Beispiel hierfür ist der evolutionäre Humanismus.

2. Wenn ein Mensch nicht glaubt, Abbild eines perfekten Wesens zu sein, erübrigt sich ohnehin die Frage nach Unfehlbarkeit. Solch einen Anspruch kann man viel eher religiösen Personen zuordnen, welche meinen, aufgrund ihrer Glaubensinhalts besonders privilegiert zu sein – ich habe noch nie einen Atheisten gesehen, welcher nur aufgrund der Erhabenheit seines Glaubens (der ja de facto fehlt) anders denkende Menschen verteufelt und zu Gewalt gegen jene aufgerufen hat.

Gerade das Wissen über die eigene Verantwortung ist es, was infantilen Formen des Glaubens fehlt – ohne himmlisches Alphamännchen steigt die Eigenverantwortung logischerweise an. Sie nimmt nicht ab, wie Bonelli hier zu behaupten scheint.

3. Dies ist eine Unterstellung, für die es keinerlei Beweise gibt. Im Gegenteil: Wer erkennt und akzeptiert, dass das Universum und alles darin eben nicht auf einen Übervater zurückzuführen ist, wird sich doch eher daran machen, seinem Leben selbst einen Sinn zu verleihen. Dies ist zwar ein – im Vergleich zum Festhalten an religösem Wunschdenken – ungleich schwierigerer Prozess, aber dafür sehr befreiend.

Dem Menschen wohnt ein Hang zu Übersinnlichem und Irrationalem inne – dies ist sicherlich unbestreitbar und hat positive Aspekte für den Menschen. Daraus aber einen Existenzanspruch für längst widerlegte Glaubensideen ableiten zu wollen, ist absurd.

Natürlich muss man aber dazusagen, dass Glaube einem Menschen gut tun kann. Das Problem hierbei ist nur, dass religiöser Glaube der Menschheit viel stärker geschadet als genützt hat. Des Weiteren ist es zweifelsfrei das Sinnvollste bei jeglicher geistiger Weiterentwicklung, alte und unbrauchbare Ideen sterben zu lassen. Und es gibt kaum Argumente, dies nicht auch auf Religionen anzuwenden. Persönlicher, privater Glaube wird dadurch ja auch nicht angegriffen – missionieren mit allen Mitteln ist eine Tätigkeit, die nun wirklich nicht der atheistischen Fraktion zugeordnet werden kann.

Schlussbemerkung

Dieses kurze Statement meinerseits gibt natürlich nicht die ganze Bandbreite an Argumenten wieder, welche die Aussagen Bonellis als das hinstellen, das sie sind – abstrus und unhaltbar. Aber bei diesem himmelschreienden Unfug konnte ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, mich dazu zu äußern. Zwar habe ich keine religösen Gefühle, die er damit verletzt haben könnte – sehr wohl aber solche redlicher und intellektueller Natur. Im Grunde beleidigt Bonelli jeden Menschen, der sich dazu entschlossen hat, Ideen konsequent zu Ende denken zu wollen.

Diskussion

  • Wilfried Apfalter says:

    Ich wüsste jetzt sehr gerne, was Raphael Bonelli über die http://www.atheistische-religionsgesellschaft.at und die Menschen dahinter denkt. :-)

  • GP says:

    Bezüglich deinem 2 Punkt – “ich habe noch nie einen Atheisten gesehen, welcher nur aufgrund der Erhabenheit seines Glaubens (der ja de facto fehlt) anders denkende Menschen verteufelt und zu Gewalt gegen jene aufgerufen hat” – fällt mir allerdings schon eine Person ein, nämlich Joseph Stalin.
    Stalin besuchte das theologische Seminar zu Tiflis und wurde dort zu einem Atheisten, führte dazu das er Religion unter seiner Herrschaft verbot. Und als besonders friedfertig kann man ihn nicht bezeichnen.
    Allerdings will ich damit nicht sagen, dass Atheismus zu Gewalt führt oder begünstigt.

    • gottmagus says:

      Das ist Unsinn, Stalin hat sogar mit der russischen Kirche gegen Hitler mobil gemacht. Bedenkt man wie schnell das Christentum jede religiöse Konkurrenz nach seiner Ernennung zur Staatsreligion auslöschte oder wie schnell der Islam den Zoroastrismus im persischen Reich zerschlug, und bedenkt man, daß die 70 Jahre Kommunismus in Rußland offensichtlich der russisch-orthodoxen Kirche nichts anhaben konnte, darf man den aktiven Kampf oder ein Verbot ein Gerücht oder eine Übertreibung nennen.

      Auch sollte man an sich an die enge Verflechtung der russisch-orthodoxen Kirche mit dem Zaren denken, der Zar war ein lebender Heiliger und die Machtstruktur des Zarenreichs eng mit der Kirche verknüpft, die russisch-orthodoxe Kirche träumt ja heute noch von einem neuen Zaren,

      Dann gibt es da noch, daß Stalin vermutlich bei dieser Unterweisung auf irgendeine Art und Weise traumatisiert oder so sehr persönlich verletzt wurde, daß er später seine Chance nutzte um sich zu rächen, um sich von der Erinnerung an die unschönen Erlebnisse zu befreien. So ein extremer Wandel vom theologischen Seminaristen zum Atheisten, sofern es denn stimmt, hat seine Gründe und die müssen extrem gewesen sein. Der Übergang vom Glauben zum Atheismus braucht für gewöhnlich seine Zeit und geht über mehrere Stationen.

      Zudem ist Kommunismus nichts anderes als eine Ersatzreligion, der Kommunist glaubt an seine Heiligen, seinen großen Propheten, seine heiligen Bücher und natürlich auch an das Schicksal, das dem Kommunismus den Endsieg schenken wird. Wer an Schicksal glaubt, kommt kaum ohne übernatürliche Mächte aus.

    • xyx says:

      Übrigens stellt GP die Geschichte verfälscht dar: “Stalin besuchte das theologische Seminar zu Tiflis und wurde dort zu einem Atheisten,[...]”
      Stalin musste das Elite-Priesterseminar wegen ungenügenden Leistungen verlassen! D.h. er war aller Wahrscheinlichkeit noch sehr lange ein gläubiger Mensch.

  • kathnet hat darauf geantwortet!

    http://www.kath.net/detail.php?id=35065

    Was zu erwarten war.

    • M.J. Arch says:

      Ich habe deren Artikel gelesen. Meine Aussagen wurden “negiert”…also, eigentlich nicht, sie wurden nur verdreht und mit den üblichen Vorwürfen ausgeschmückt.

      Was auch zu erwarten war.

  • IB says:

    Ich finden vor allem eines erstaunlich, dass ein Nautrwissenschafter (ein Arzt) eine deartige Einstellung zur Reralität hat, insbesondere in Anbetracht des Umstandes, dass er Mitglied einer Universität ist, die sich auf den großen Psychoanalytiker Sigmund Freud beruft, der ein überzeugter Atheist war: http://www.youtube.com/watch?v=qHjhv6SOjC4

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