Faszinierende Geschichte eines großen Denkers in seiner Zeit

Thema: Philosophie, Politik, Rezension | Tags: ,

James Romm: „Seneca und der Tyrann

Verlag C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-71876-2, 320 Seiten

Wie gelingt es, 2.000 Jahre rückblickend eine überaus vielschichtige historische Persönlichkeit anhand von widersprüchlichem Quellenmaterial, das sich vielfach als erratisch und unvollständig erweist, gut zu erfassen und – soweit es überhaupt möglich ist – historisch getreu abzubilden? Der in New York lehrende „Professor for Classics“, James Romm, wählte dazu den Weg, die noch vorhandenen Schriften des Lucius Annaeus Seneca (etwa 1 – 65 n.Chr.) mit zeitgenössischen und posthumen Berichten zu seiner Person zur Deckung zu bringen. Die Ausgangslage bestand darin, dass Seneca einerseits sehr positiv als Denker, Dichter, Moralist und Erzieher sowie Berater des Kaisers Nero – und dazu auch als Mensch mit höchsten ethischen Werten und Idealen – beschrieben wird, andererseits aber auch von Zeitgenossen als schlauer Manipulant, der sich maßlos bereicherte und an finsteren Verbrechen des Palastes teilhatte, wahrgenommen wurde. Herausgekommen ist dabei ein sehr detailreiches, sehr spannendes Buch, „das teilweise Biografie, teilweise erzählte Geschichte und teilweise eine Exegese der Schriften Senecas ist, sowohl seiner Prosawerke als auch seiner Versdichtungen“ (S. 12). [Mehr]

Cunctos populos: Die geistige Wende in ein “Finsteres Mittelalter”!

Thema: Religion, Rezension, Wissenschaft | Tags:

Rolf Bergmeier: „Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“
Alibri Verlag Aschaffenburg, 2018, ISBN 978-3-426-86569-292-4, 205 Seiten

Am 28. Februar 380 verkündete Kaiser Theodosius den Erlass „Cunctos populos“, der im römischen Reich den Katholizismus zur Staatsreligion erhob. Der Historiker Rolf Bergmann schildert diesen „Sieg des Katholizismus und die Folgen für Europa“ (Untertitel des Buches) als epochales Ereignis, das die Welt nicht nur veränderte, sondern auch bis heute prägt. Wer die Bücher des Autors (z.B. „Schatten über Europa“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Klare, zuweilen mit Ironie gewürzte Sprache, akribische, mit umfangreichem Quellenmaterial belegte Darstellung, stringente Analysen, gute Verständlichkeit in Verbindung mit zum Teil streitschriftartiger Erzählweise.

„Cunctos populos“ eröffnete die Dominanz der katholischen Religion in allen Phasen des Daseins: “Ein ganzer Kontinent verliert seine in Jahrhunderten gewachsene Identität. Bis Bürger die antike Welt in all ihrer Schönheit wieder ans Licht holen“ (S. 8). Das Buch beschreibt, wie in einer zerstückelten Religionslandschaft eine ausgewählte Religion zur machtvollsten der Welt wird, wie diese die Menschen in allen Bereichen ihres Lebens beherrscht und wie damit die kulturellen, zivilisatorischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Mitteleuropa – im Gegensatz zu den byzantinischen und islamischen Hochkulturen – einen Tiefstand erreichen. Ein Religions-Tsunami rollte über Europas Geschichte hinweg, „ein Geist, der Europa mehr als tausend Jahre beherrschen wird und die Welt bis heute zu normieren sucht“ (S. 9). [Mehr]

„Ist Wissenschaft auch nur eine Form von Glaube?“

Thema: Philosophie, Religion, Wissenschaft | Tags: ,

Zitat aus einem neu erschienenen kulturphilosophischen Buch eines renommierten Universitätsprofessors, Religions- und Kulturwissenschaftlers:
„… Denn es zeigt sich, dass atheistische Naturwissenschaftler auf die gesamte Weltdeutung schließen wollen… genau und kritisch besehen sind auch die Grundannahmen der Atheisten, der Naturalisten und der Materialisten nur Glaubensannahmen und Vermutungen, aber keine Ergebnisse festen Wissens…..“

Dazu, sowie zu zahlreichen ähnlichen Aussagen folgende Anmerkungen:

  1. Was bedeutet „Glaube“, bzw. „Glaubensannahme“?
    a) Eine Wahrscheinlichkeitsannahme (falsifizierbar!).
    b) Eine Erwartung/Hoffnung (falsifizierbar).
    c) Ein ideologisches, dogmatisches oder religiöses „für wahr halten“ (nicht falsifizierbar!).

Im Zusammenhang mit (Natur)Wissenschaft bedeutet „Glaube“ ausschließlich „Wahrscheinlichkeitsannahme!
Karl Popper: „..unser Nichtwissen wird durch Wahrscheinlichkeit überbrückt und ergänzt…“

Zeitgemäße Methoden und Erkenntnisse der Wissenschaft basieren im Wesentlichen auf den von Karl Popper formulierten Prinzipien des Kritischen Rationalismus (KR):

a) KR beruht auf der metaphysischen Hypothese, dass es eine reale Welt gibt (siehe 2.a). Diese empirisch nicht überprüfbare Hypothese ist für die Naturwissenschaften unverzichtbar, sie ist jedoch kritisier- und prinzipiell falsifizierbar (im Gegensatz zu unkritisierbarer, dogmatischer Metaphysik!). Prinzipiell sollen jedoch metaphysische Annahmen so wenig wie möglich in wiss. Modelle eingehen („Metaphysik Minimierungsprogramm“).

b)
KR ist fallibilistisch, erkenntnisoptimistisch, objektivistisch und intersubjektiv auf der Basis der „Evolutionären Erkenntnistheorie“ mit der Grundaussage, dass Wissen grundsätzlich fehlbar und immer vorläufig ist. [Mehr]

Bertrand Russell: „Warum ich kein Christ bin“

Thema: Religion | Tags: ,

Auswahl von Zitaten mit Hervorhebungen und Unterstreichungen durch Gerfried Pongratz

Bertrand Russell – der zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts zu zählen ist – hielt den Vortrag “Why I am not a Christian” am 6. März 1927 unter der Schirmherrschaft der National Secular Society. Russell geht dabei besonders auf die Gottesbeweise und auf den Charakter Christi ein. Die Zitate sind dem gleichnamigen, 1963 im Münchner Szeszny Verlag erschienenen Buch entnommen.

Was ist unter dem Wort “Christ” zu verstehen? Es wird heutzutage von sehr vielen Menschen in einer recht allgemeinen Bedeutung gebraucht. Manche verstehen darunter bloß eine Person, die sich bemüht, ein gutes Leben zu führen. Ich verstehe unter einem Christen nicht irgendeine Person, die sich entsprechend ihren geistigen Fähigkeiten bemüht, anständig zu leben. Nach meiner Ansicht muß man ein gewisses Mindestmaß an festem Glauben besitzen, bevor man das Recht hat, sich einen Christen zu nennen.

 Was ist ein Christ?

Ich finde jedoch, dass es zwei Punkte gibt, die für jeden, der sich einen Christen nennt, wesentlich sind. Der erste ist dogmatischer Natur – dass man nämlich an Gott und die Unsterblichkeit glauben muß. Wenn Sie an diese beiden Begriffe nicht glauben, so können Sie sich nicht einen Christen nennen. Darüber hinaus muß man, wie schon der Name sagt, in irgendeiner Form an Christus glauben. Ich meine, man muß wenigstens daran glauben, dass Christus, wenn schon nicht göttlich, so doch zumindest der Beste und Weiseste der Menschen war. Wenn Sie nicht einmal soviel von Christus glauben, haben Sie meiner Ansicht nach kein Recht, sich als Christen zu bezeichnen.

Die Existenz Gottes:

Die katholische Kirche hat zum Dogma erhoben, dass sich die Existenz Gottes durch die Vernunft beweisen läßt. [Mehr]

Erkenntnisse, die die Welt veränderten, gut erklärt!

Thema: Rezension, Wissenschaft | Tags: ,

Rüdiger Vaas: “EINFACH EINSTEIN – Geniale Gedanken schwerelos verständlich”

„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen…. Man kann nicht anders, als die Geheimnisse von Ewigkeit, Leben oder die wunderbare Struktur der Wirklichkeit ehrfurchtsvoll zu bestaunen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu erfassen…“ (Albert Einstein).

Populärwissenschaftliche Bücher über Albert Einstein besitzen immerwährende Konjunktur, allein bei Amazon sind über 1.000 Titel zu finden und jedes Jahr kommen neue hinzu – dem bekannten Wissenschaftsreporter, Astronomie- und Physik-Redakteur Rüdiger Vaas gelingt es, mit „Einfach Einstein“ dieses Genre mit einem Glanzstück zu ergänzen. Gemeinsam mit dem Illustrator Gunther Schulz legt er ein kleines, aber sehr inhaltsreiches Werk vor, das Einsteins Entdeckungen und Theorien sowie damit verbundenes physikalisches und astronomisches Grundwissen gut verständlich aufbereitet, umfassend darstellt und damit den “Spagat” bewältigt, interessierten Laien wie auch informierten Lesern interessanten Lesestoff zu bieten, ohne die einen zu überfordern und die anderen zu langweilen. [Mehr]

“Ein Jahrhundertdenker – Karl R. Popper und die offene Gesellschaft”

Thema: Philosophie, Rezension, Wissenschaft | Tags: ,

Styria Buchverlage 2018, ISBN 978-3-222-15019 -7, 239 Seiten

 Meiner Meinung nach ist Karl Popper der größte Wissenschaftstheoretiker, der je gelebt hat“, so der Biologe (Nobelpreisträger) Sir Peter Medawar. Karl Raimund Popper (1902 – 1994) ist unbestritten einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, seine Erkenntnisse zur Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie, Politischen Theorie etc. haben sich als richtungsweisend erwiesen und gesellschaftspolitische Entwicklungen und Diskussionen sowie auch moderne wissenschaftliche Methodik entscheidend geprägt. Der Grazer Philosophieprofessor Kurt Salamun, ein ausgewiesener Kenner Karl Poppers, unternimmt den Versuch, den Gelehrten in seinen vielen Aspekten und seinem bedeutenden Wirken einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen; sein Buch bietet interessierten Lesern tiefe Einsichten in das äußerst umfangreiche Werk Poppers.

Um es vorwegzunehmen: des Autors Vorhaben ist hervorragend gelungenen! In auch für philosophisch Ungeübte gut verständlicher Sprache, sehr umfassend mit zahlreichen Originalzitaten und vielen Querverweisen (auch zu Kritikern) versehen, vermittelt das Buch Poppers Gedanken und Erkenntnisse zu freiem, rationalem Denken, zu kritischer Vernunft, zur Wertschätzung einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Der Untertitel verweist auf Poppers wichtiges Anliegen, die „offene Gesellschaft“; darüber hinausgehend beleuchten die Ausführungen auch alle anderen Gebiete von Poppers Denken, das in seiner Tiefe und Vielseitigkeit seinesgleichen sucht. Kurt Salamun liegt dabei sehr daran, zu zeigen, „dass sich Poppers Philosophie nicht auf eine positivistisch orientierte Erkenntnis- und Wissenschaftslehre reduzieren lässt“, sondern „vielmehr das Bild eines kritisch-rationalen Menschentyps, der als normative Zielvorstellung eine Vorbildfunktion haben kann“ entwirft (S. 7). [Mehr]

Felix Mitterer “Mein Lebenslauf”

Thema: Rezension | Tags: ,

Der Tiroler Autor Felix Mitterer zählt zu den Größten der österreichischen, ja der gesamten deutschsprachigen Literatur, es gibt wohl nur wenige Menschen, die mit ihm nicht das eine oder andere persönliche Fernseh-, Theater- oder Hörspielerlebnis in Verbindung bringen. Mit seinen gesellschafts- und oftmals auch sehr religionskritischen Texten war und ist er seiner Zeit weit voraus und damit auch zahlreichen Widerständen und Anfeindungen ausgesetzt. Bei z.B. “Stigma” (Thema Exorzismus) gab es Aufstände und Wallfahrten, in seiner Autobiografie „Mein Lebenslauf” schreibt er dazu (S. 121): “Während jeder Vorstellung finden Wallfahrten … und Messen statt, in denen gegen das Stück gepredigt, aber auch manchmal um mein Seelenheil gebetet wird….”. “Die Beichte” thematisiert Kindesmissbrauch durch Kleriker: “Es geht hier um krankhafte, kriminelle Pädophilie, in der Hauptsache geht es um das Zölibat, darauf beharre ich nach den vielen Recherchen” (S. 381); In “Verlorene Heimat” beschreibt er die brutale Vertreibung der Zillertaler Protestanten durch die Katholiken und in zahlreichen weiteren Theaterstücken, Hörspielen und Drehbüchern wird das Thema Religiosität kritisch – oftmals ironisch, feinsinnig humorvoll – abgehandelt, bzw. beleuchtet.

In “”Literarische” Religionskritik anhand ausgewählter Werke von Felix Mitterer“ findet man: https://www.grin.com/document/311506

3.1 Mitterers Verhältnis zur Religion
In seinen Werken greift Felix Mitterer häufig die Katholische Kirche an. Auf die Frage, wie er zur Institution Kirche stehe und ob er ein gläubiger Mensch sei, antwortete Mitterer in einem Interview Folgendes: “Ich stehe sehr kritisch zur Katholischen Kirche, ich kritisiere diese Institution, sie hat viel angerichtet. Aber es gibt keinen Hass oder Antiklerikalismus. Ob ich ein gläubiger Mensch bin, kann ich nicht beurteilen. Obwohl ich vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, kann ich möglicherweise gläubiger sein als ein eingetragener Katholik.” (Mitterer & Demel 1995, S.38)
In seinem Stück “Krach im Hause Gott” greift Mitterer die Anliegen der feministischen Theologie auf, was ihm bereits vor der Ausstrahlung des Hörspiels eine Anzeige wegen Religionsverhöhnung einbrachte. Ausgangspunkt für dieses Werk war, dass Mitterer schon seit Jahren das Weibliche an der christlichen Religion vermisste. In diesem Mysterienspiel lässt er deshalb Maria der Männerrunde klarmachen, dass die Menschheit “in die Irre geht, weil Gott Vater selbst und nach seinem Vorbild die christliche Religion ‘das Weibliche’ vernachlässigt und verdrängt habe” (Mitterer & Demel 1995, S.114) und will damit sein Publikum auf unterhaltsame Weise mit theologischen Problemstellungen, überhaupt mit den Auswirkungen der monotheistischen Religion konfrontieren.
Auch in seiner Version des “Jedermann” dient bereits der rüde Ton in den Eingangspassagen – satirisch und ironisch – der Demontage von veralteten religiösen Vorstellungen. “Persiflierende Bezeichnungen der drei göttlichen Personen” (Mitterer & Demel 1995, S.109) und andere Kraftäußerungen werden bewusst als sprachliche Mittel zur Anprangerung und zum Abbau von religiösen Klischees eingesetzt.

Rezension
Felix Mitterer “MEIN LEBENSLAUF”

Felix Mitterer, ein Name, der jedem Literatur- und Theaterfreund geläufig ist und den wohl auch die meisten Film- und Fernsehfreunde kennen: Als Autor von mittlerweile 50 Theaterstücken, 30 Drehbüchern, 6 Hörspielen und mehreren Büchern; als Träger zahlreicher hoher Auszeichnungen und nicht zuletzt als beeindruckenden Schauspieler – kurzum als Darsteller und Literaten, der zu den bedeutendsten Schriftstellern des deutschsprachigen Raumes zählt. [Mehr]

Rana Ahmed: “Frauen dürfen hier nicht träumen”

Thema: Islam, Laizität, Politik, Religion, Rezension | Tags: ,

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst“, Rana Ahmads uneingeschränkt empfehlenswertes Buch liefert den Beweis; ihre in Teilen „unter die Haut gehende“ Biografie berührt in mehrfacher Hinsicht:

Als überaus farbig, sehr gut erzählte Lebensgeschichte einer jungen, mutigen Syrerin, die in Riad in Saudi Arabien in einer streng gläubigen muslimischen Familie aufwächst und nach und nach – mit dramatischen Erlebnissen und biografischen Einbrüchen – sich von der totalen Kontrolle und Fremdbestimmtheit der patriarchalen Welt einer alles beherrschenden Religion zuerst mental, dann auch real befreit und auf einer abenteuerlichen Flucht nach Deutschland retten kann. [Mehr]

Regierungsbildung in Österreich: Bedenken zur fehlenden Trennung von Staat und Religion

Thema: Uncategorized |

Aufgrund des Ergebnisses der Nationalratswahlen vom 15. Oktober 2017 wurde in Österreich von ÖVP und FPÖ eine türkis-blaue Regierung gebildet. Es wird darauf zu achten sein, dass die in ihrer Legislaturperiode erlassenen Gesetze dem Erfordernis der strikten Trennung von Religion und Staat entsprechen.

Die von der „Giordano Bruno Stiftung Österreich“ (GBRÖ) vertretenen österreichischen Agnostiker und Atheisten möchten mit diesem Beitrag auf wichtige von ihnen im Regierungsprogramm festgestellt Defizite aufmerksam machen. Vor allem möchten sie feststellen, dass es nicht im Sinne der liberalen Verfassung Österreichs gelegen ist, religiöse und ideologische Ansichten und Wertvorstellungen in einer Weise im Regierungsprogramm festzuschreiben, die Liberaldenkende als Bevormundung oder Unterjochung empfinden.

Die österreichische Verfassung ist hinsichtlich ihrer Aussage zur Rolle der Religion im Staat eindeutig:

Artikel 1. B-VG lautet:

Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“

Artikel 7. B.VG lautet:

(1) Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen. […]

Artikel 14 StGG lautet:

Die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist Jedermann gewährleistet.

Der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig; doch darf den staatsbürgerlichen Pflichten durch das Religionsbekenntniß kein Abbruch geschehen.

Niemand kann zu einer kirchlichen Handlung oder zur Theilnahme an einer kirchlichen Feierlichkeit gezwungen werden, in sofern er nicht der nach dem Gesetze hiezu berechtigten Gewalt eines Anderen untersteht.“

Artikel 63 Staatsvertrag von St. Germain, lautet:

Österreich verpflichtet sich, allen Einwohnern Österreichs ohne Unterschied der Geburt, Staatsangehörigkeit, Sprache, Rasse oder Religion vollen und ganzen Schutz von Leben und Freiheit zu gewähren.

Alle Einwohner Österreichs haben das Recht, öffentlich oder privat jede Art Glauben, Religion oder Bekenntnis frei zu üben, sofern deren Übung nicht mit der öffentlichen Ordnung oder mit den guten Sitten unvereinbar ist.“

Hieraus geht hervor, dass nur eine strikte Trennung von weltanschaulichen Anschauungen und Staat verfassungskonform ist. Eine Auffassung, die die beiden neuen Regierungsparteien offenbar nicht in aller Konsequenz teilen.

Von den beiden Regierungsparteien hat nur die ÖVP auf die von der „Giordano Bruno Regionalgruppe Österreich“ GBRÖ vor der Wahl ausgesandten Wahlprüfsteine geantwortet. Auf die Frage nach der weltanschaulichen Neutralität antwortete sie:

Wir bekennen uns zum aufklärerischen Prinzip der Trennung zwischen Staat und Religion. Das staatliche Recht und unsere Verfassung sind zwar von unserem christlich-jüdischen Erbe inspiriert, dürfen aber durch keine religiösen Regeln ausgehebelt oder in Frage gestellt werden. Das heißt für uns aber auch nicht, unsere Tradition und unser kulturelles Erbe zu verstecken. Für uns ist klar: Das Kreuz im öffentlichen Raum sowie christliche Feiertage, Feste und Bräuche sollen weiter erhalten bleiben.“

Das „neue Grundverständnis“

Auch die Politik braucht ein neues Grundverständnis. Wir müssen wegkommen vom falschen Stil des Streits und der Uneinigkeit und einen neuen Stil des positiven Miteinanders leben. Statt Bevormundung von oben herab geht es darum, einen echten Dienst an den Österreicherinnen und Österreichern zu leben, der die Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt und sie einbindet.“

So heißt es im Vorwort des Regierungsprogramms von ÖVP und FPÖ. Dieser Satz klingt schön, aber Uneinigkeit und Auseinandersetzungen gehören zum menschlichen Leben. Dabei lässt sich das Streiten oftmals nicht vermeiden. Die Taktik, dass Menschen, die andere zu dominieren beabsichtigen, ständig nur vom Gemeinsamen sprechen und Strittiges unter den Tisch kehren wollen, ist bekannt. Soweit dieser Satz ein Leitfaden für die Arbeit der Regierungsparteien ist, mag er in die richtige Richtung gehen. Es genügt aber nicht, wenn sich die beiden Regierungsparteien einig sind: Österreich besteht aus Einwohnern, von denen die meisten auch österreichische Staatsbürger sind. Um für alle ein Staat zu sein, werden viele Angelegenheiten strittig sein und bleiben. Dabei ist eine angemessene Streitkultur ehrlicher und realitätsnäher als Gleichmacherei. Denn es sind zwar

52% der Österreicher mit dem Regierungsprogramm der ÖVP/FPÖ Regierung zufrieden, 36% jedoch nicht. http://www.oe24.at/tv/news/Fellber-LIVE … /314103896

Die Frage ist, wie diese Minderheit in Politik und Gesellschaft mit einbezogen werden kann. Man kann sie und ihre Anliegen ja nicht links liegen lassen.

Die Grundprinzipien des Regierungsprogramms:

Das Regierungsprogramm führt in einem eigenen Abschnitt die ihm zugrunde liegenden Grundprinzipien an. Bereits diese lassen erkennen, wie sehr das Programm von konservativen Gedankengängen beherrscht ist. Eine Stellungnahme zu den einzelnen Punkten ist kaum möglich, weil verschiedene Gesichtspunkte in einer Fragestellung vermengt werden. Man muss schon genau lesen, um vorhandene Mehrdeutigkeiten zu erkennen. Zum Beispiel:

Heimat:

Wir wollen unsere Heimat Österreich als lebenswertes Land mit all seinen kulturellen Vorzügen bewahren. Dazu gehört auch, selbst zu entscheiden, wer als Zuwanderer bei uns leben darf und illegale Migration zu beenden.“

Der erste Satz weist auf eine konservative Erhaltung „aller Vorzüge“ hin. Was genau sind diese kulturellen Vorzüge? Sollen diese auch zu Lasten von notwendigen Veränderungen erhalten werden? Die im gleichen Atemzug genannte Zuwanderung und illegale Migration vernebeln die Aussagen des ersten Satzes.

Wie ist es mit der Familie?

Die Familie als Gemeinschaft von Frau und Mann mit gemeinsamen Kindern ist die natürliche Keimzelle und Klammer für eine funktionierende Gesellschaft und garantiert zusammen mit der Solidarität der Generationen unsere Zukunftsfähigkeit. Für uns stehen vor allem die Kinder im Mittelpunkt – Familie soll ein Ort sein, wo sie behütet aufwachsen können und gut auf das Leben vorbereitet werden.“

Was ist mit Patchworkfamilien, Lebensgemeinschaften von Unverheirateten oder gleichgeschlechtlichen Familien und deren Kindern? Sie entsprechen zwar nicht konservativen Idealen, sind aber Wirklichkeiten, die vom Staat nicht ignoriert werden dürfen.

Nachhaltigkeit (Schöpfung):

Unser Verständnis von Verantwortung für die Schöpfung reicht über die Gegenwart hinaus. Die Politik soll den Anforderungen und Bedürfnissen der nächsten Generation entsprechen. Der nachhaltige Umgang mit der Natur und eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung sind keine Gegensätze, sie bedingen einander.”

Was soll hier das Wort „Schöpfung“?

Was bedeuten unvollständige und einseitig konservative Prinzipien, die in viele Richtungen deutbar sind? Bereits aus solchen ist ersichtlich, dass das Regierungsprogramm wenig Bindendes enthält.

Volksbegehren und Volksbefragung

Ein großer und bedeutender Wurf des Regierungsprogramms ist die stufenweise Einführung der Volksbefragung. Im ersten Schritt wird das bereits bestehende Volksbegehren weiterentwickelt. Dabei werden Erfahrungen gesammelt, die für die Einführung der Volksbefragung wichtig sind. Auf Details soll hier nicht eingegangen werden.

Ad-hoc-Gemeinschaften

Für die österreichischen Atheisten und Agnostiker sind all diese Veränderungen Chancen und Aufgabe zugleich. Jedoch nur, wenn sie lernen, politisch und nicht nur ideologisch zu agieren. Politische Bewegungen, die angenommen werden wollen, müssen immer wieder für sie gangbare Allianzen und Kompromisse schließen. Wenn wir prüfen, was vom atheistischen Standpunkt aus gesehen im Regierungsprogramm untragbar erscheint, werden wir sofort erkennen, dass auch Andersdenkende dies so sehen werden. Es geht hier nicht um eine Nivellierung von weltanschaulichen Überzeugungen, sondern um die Förderung und das Zusammenwirken von Ad-hoc-Gemeinschaften zwischen österreichischen Staatsbürgern, die über alle Grenzen hinweg, punktuell gemeinsame Ziele verfolgen. In diesen Sinn bekennt sich die GBRÖ auch öffentlich zur Solidarität mit allen jenen, die gegen den von der Regierung angestrebten Sozialabbau ankämpfen. Zu nennen sind insbesondere die einschlägigen Bemühungen der Wahlverlierer – auch wenn sie, wie die Grünen, keinen Zugang zum Parlament haben – sowie aller gesellschaftskritischen Oppositionsparteien. Wer zwischen Handeln und Motiv zum Handeln unterscheidet, wird keine Probleme damit haben, sich sogar mit weltanschaulich gebundenen Vereinigungen, wie etwa der Caritas, in einer Weise zu solidarisieren, die seine Grundüberzeugung nicht beschädigt.

Ebenfalls erscheint es wichtig, das politische Geschehen in den Bundesländern zu verfolgen. Insbesondere soll dem Landeshauptmann von Wien hier signalisiert werden, dass wir hinter seinen Bemühungen stehen, den von den Regierungsparteien beabsichtigten Sozialabbau zu mildern, und – wenn möglich – zu verhindern. Dabei geht es nicht um Parteipolitik, sondern ausschließlich um den Widerstand gegen den von der Regierung betriebenen Sozialabbau.

Sozialabbau als versteckte Besteuerung

Österreich braucht dringend ein ausgeglichenes Budget. Das sei außer Streit gestellt. Das darf jedoch nicht vorrangig durch Kürzungen im Sozialbereich erreicht werden. Der Grundsatz der Regierung, der Bevölkerung keine neuen Steuern aufzuerlegen, ist kaum erfüllbar. Der Weg, den Ärmsten der Armen die für sie notwendigen Sozialleistungen zu streichen, ist sicher der Falsche. Es ist nicht egal, ob neue Steuern eingeführt oder die armutsgefährdeten Mitbürger zur Budgetsanierung herangezogen werden. Zwar muss das Geld von irgendwo herkommen. Weil jedoch jeder nur ein einziges Leben hat, ist es Unrecht, Reiche zu schonen und Armen auch noch das letzte Bisschen zu nehmen, was sie noch haben und damit die Staatsausgaben zu decken.

Flüchtlingsfrage und politischer Islam

Die Flüchtlingsfrage und der politische Islam gehören zu den heikelsten Themen Europas. Die von beiden Regierungspartnern eingebrachten Haltungen waren für den Wahlausgang vielfach ausschlaggebend. Dass hier Ordnung geschaffen werden muss, ist klar, das Wie aber noch nicht. Es ist nur zu hoffen, dass die Bemühungen um Integration greifen, und es wird viel Wasser donauabwärts fließen, bis wirklich sachgerechte Lösungen gefunden werden. Die Bereitschaft, dabei konstruktiv mitzuwirken, ist bei den österreichischen Agnostikern und Atheisten vorhanden. Weil aber niemand zaubern kann und die Themen äußerst emotional besetzt sind, fällt das richtige Urteilen und Handeln schwer. Unabdingbar ist jedoch, dass auch Flüchtlinge und Muslime an die in unserer Verfassung festgelegten Trennung von Religion und Staat gebunden sind.

Zum Abschluss

Die neue Regierung wurde in einer freien und den Grundsätzen der Demokratie entsprechenden Wahl gewählt. Außerdem standen die für das Entstehen der Koalition Verantwortlichen in ständigem Kontakt mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Die durch die „Giordano Bruno Regionalgruppe Österreich“ GBRÖ vertretenen österreichischen Agnostiker und Atheisten respektieren die nunmehr zustande gekommene Regierung. Das hindert sie aber nicht, deren Handlung kritisch zu beobachten. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Trennung von Weltanschauung und Staat. Sie lehnen auch den Versuch ab, Österreich wie einen Privatbetrieb gewinnbringend zu führen und dabei die Verantwortung der Regierung für das Gemeinwohl zu vergessen. Auch die, welche ohne wirksame Hilfe der Gesellschaft nicht fähig sind, ein menschenwürdiges Leben zu führen, sind Staatsbürger, die nicht zu Gunsten anderer Interessen beiseite geschoben werden dürfen. Zusammen mit den ungelösten Fragen der Integration und des politischen Islams, ist dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Text des Regierungsprogramms:

http://www.salzburg.com/download/2017-12/Regierungsprogramm.pdf

Plädoyer für ein erfülltes Leben ohne Gott

Thema: Religion, Rezension | Tags: ,

Philipp Möller: „GOTTLOS GLÜCKLICH – warum wir ohne Religion besser dran wären“.  Fischer Taschenbuch, 2017, ISBN 978-3-59629880-8, 320 Seiten.

Wer die vorhergehenden Bücher „”Isch geh Schulhof”, “Bin isch Freak?“ und „Isch hab Geisterblitz“ von Philipp Möller kennt, weiß, was ihn mit „Gottlos glücklich“ erwartet: Entlang persönlicher Erfahrungen und weiterführender Gedanken eine humorvolle, zuweilen auch bissige Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema – hin zu einem Plädoyer für „ein erfülltes Leben ohne Gott!“

Frömmigkeit verbindet sehr, aber Gottlosigkeit noch viel mehr“ meinte Goethe, dem Autor gelingt es auf lockere Weise, diese Aussage unter Beweis zu stellen. Akteure wie Philipp Möller und Organisationen, wie die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), tragen wesentlich dazu bei, dass es zu „gottloser Fröhlichkeit“ (Adolf Holl) kommen kann und der Begriff „gottlos glücklich“ in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat. Möller schildert die Hintergründe und den Ablauf säkularer Kampagnen, die von der gbs durchgeführt wurden, oder im direkten Umfeld der Stiftung entstanden sind. Beginnend mit der viel beachteten “gottlosen“ Buskampagne beschreibt er sein persönliches – von vielen Mitstreitern und der gbs unterstütztes – Bemühen, ungerechtfertigte Kirchenprivilegien und absurde Glaubensdogmen mit den daraus resultierenden Widerständen gegen eine offene Gesellschaft und einen weltanschaulich neutralen Staat aufzuzeigen, bzw. zu bekämpfen. [Mehr]